Ein Roadtrip durch Albanien

Wenn wir als Familie unterwegs sind, dann ergeben sich oft die eigenwilligsten Routen. Was wir für Albanien geplant hatten war eine Rundreise durch das ganze Land, über den Ohridsee im Osten bis an die Strände im Süden, der Küste entlang wieder hoch nach Tirana. Natürlich kam alles ganz anders.

Mit dem Auto in Albanien unterwegs.

Mit dem Auto in Albanien unterwegs.

Das hat erstens damit zu tun, dass wir schlussendlich nicht direkt nach Tirana, sondern ins benachbarte Montenegro geflogen sind. Dies wiederum ist unserer kleinsten Reisebegleiterin geschuldet. Nur nach Montenegro gab es eine direkte Flugverbindung. Schweiz-Albanien wird als Direktflug erst noch eingeführt. Für uns ein wichtiges Kriterium und ein Grund nach Montenegro zu fliegen. Zweitens ist hier auch gleich klargestellt wer nun der Boss ist und die Reiseroute bestimmt. 

Ich habe dir bereits von Tirana und Berat erzählt, möchte dir hier aber noch von all den anderen Orten berichten und etwas persönlicher werden und auch von unseren Erlebnissen erzählen.

In Tirana ist uns schnell klar geworden, dass unser Plan so nicht aufgehen würde. Die Distanzen in Albanien sind zwar nicht so gross und die Kilometeranzahl die es zu fahren gibt ist überschaubar. Durch die aber zum Teil doch schlechten Strassen kann sich eine Fahrt von 200 Km schon auch mal auf mehrere Stunden ausdehnen. Unser Baby ist aber auch nicht mehr so klein und hat mittlerweile einen grossen Bewegungsdrang. Stunden im Auto zu verbringen kommt nicht mehr in Frage. Also haben wir unseren Plan über den Haufen geworfen und uns kurzerhand neu orientiert.

Bilder von unterwegs in Albanien.

Bilder von unterwegs in Albanien.

Volle Strände und ein Reinfall

Die Strände in Albanien sind im Juli proppenvoll. Generell würde ich zu einer Reise dorthin in den Sommerferien nicht raten. Da wir aber schon mal da sind wollen wir doch noch eine Blick auf das Blau des Ionischen Meeres werfen. Bis in den Süden nach Saranda zu fahren liegt von der Distanz her nicht drin. Und schlussendlich spielt es auch keine Rolle wo am Strand wir sind, voll ist es überall. Also können wir uns die Fahrt in den Süden auch gleich sparen. Unsere Füsse geben sich auch mit dem Wasser ein bisschen nördlicher zufrieden.

Über den Llogara Pass sollte es gehen, da waren wir uns schnell einig. Dieser ist ein kleines Highlight in Albanien. Von Vlora führt die Strasse erst ein kleines Stück an der Küste entlang, bis es durch den Llogara Nationalpark kurvenreich die Passstrasse hinaufgeht. Die Landschaft wechselt von sattem Grün zu endlosen Blau, an welchem wir uns sattsehen, sobald wir oben auf dem Pass stehen. 

Blick an die Küste vom Llogara Pass aus.

Blick an die Küste vom Llogara Pass aus.

Auf einem alten Bunker sitzend lassen sich die Küstenorte erahnen und die nahen griechischen Inseln erspähen. Ein alter Mann verkauft hier Honig, ich muss gleich zugreifen. Ich liebe Honig und bringe immer ein Glas davon aus dem Ausland mit. Das ist eine kleine Obsession von mir. Wer mir also mal was mitbringen will, liegt mit Honig nie falsch!

Honigverkäufer auf dem Llogara Pass.

Honigverkäufer auf dem Llogara Pass.

Ich muss einfach zugreifen!

Ich muss einfach zugreifen!

Unsere Destination an der Küste haben wir auf gut Glück gewählt und bis jetzt haben wir immer voll ins Schwarze getroffen mit unseren Unterkünften. Lage, Preis, Sauberkeit – immer alles Spitzenklasse. Als wir in Jale ankommen merken wir aber gleich, dass es diesmal anders laufen würde. Das kleine Apartment ist einfach und dreckig. Ich frage nach, ob die Küche nochmals geputzt werden kann. Das Geschirr und die Ablage sind voller Fett und Dreck, hier will ich für mein Kind kein Abendessen kochen. Es ist eklig. Auch nach nochmaligem Putzen bleibt es dreckig. Es ist mir ein Rätsel, wie man so sein und sich nicht die geringste Mühe geben kann. Für uns ist aber klar, dass wir weiterreisen. Es ist aber nicht nur das schmutzige Apartment. Der Ort ist uns generell unsympathisch. 

Eigentlich wäre es hier wunderschön. Jale ist eigentlich gar kein Ort, eher eine Bucht mit ein paar Unterkünften. Mittlerweile ist aber auch hier alles mit Liegestühlen zugepflastert und die Beats aus den Lautsprechern übertönen das Rauschen der Wellen. Definitiv nicht das, was wir suchen! Am nächsten Tag reisen wir weiter mit der Gewissheit, dass sich im Juli in Albanien am Meer wohl kaum ein einsames Plätzchen finden lässt. Das wir bereits für zwei Nächte im Voraus bezahlt haben, ist uns in diesem Fall egal.

Jale: Wenn der Strand mit Liegestühlen zugepflastert ist...

Jale: Wenn der Strand mit Liegestühlen zugepflastert ist…

Jale, Albanien.

Jale, Albanien.

Die Sache mit den Klischees

Unsere nächste Destination wird Himara. Im Gegensatz zu Jale ist es eine Stadt, touristisch erschlossen, aber hier wissen wir wenigstens was uns erwartet. Der Ort jedoch ist sympathisch und das Apartment hier wiederum super. Wir fühlen uns wohl und können unsere Zeit am Meer doch noch geniessen. Wir baden zwei Tage, flanieren am Ufer entlang, schlagen uns den Magen mit Eis voll und machen mal so Urlaub, wie es wohl der Rest der Welt auch macht.

Irgendwie ist es schon etwas eigenartig. Während in der Schweiz oft die Fragezeichen in den Augen aufleuchten wenn wir erzählen, dass wir nach Albanien fahren, („Da kann man hin? Ist das nicht gefährlich? Gibt es da denn Infrastruktur? Mit einem Baby? Und die Medizinische Versorgung?“), sind die Strände in Albanien proppenvoll. Wir stellen uns ein Land vor, das vom Tourismus noch nicht viel mitgekriegt hat und auf eine Art rückständig ist. Genau das Gegenteil ist der Fall, jedenfalls was die Küstenregion angeht. Im Inland sieht das anders aus. Aber jeder Reisende, der während den Sommermonaten die Küstenregion besucht, muss auf rein gar nichts verzichten. Viele Vorstellungen in unseren Köpfen lassen sich nun mal schwer widerlegen. Das Bild von Albanien gehört wohl auch dazu.

Himara, Badeort an Albaniens Küste.

Himara, Badeort an Albaniens Küste.

Idyllische Abende am Meer.

Idyllische Abende am Meer.

Abende in Himara.

Abende in Himara.

Zwei Tage am überfüllten Strand reichen für uns aber vollkommen aus. Wobei es in Himara auch noch mehr zu entdecken gibt. Weitaus besser als die Neustadt und der Strand gefällt uns der alte Teil des Ortes. Dieser liegt nicht am Wasser, sondern etwas oberhalb auf einem Hügel. Die Strassen sind steil und eng und daher autofrei. Wie überall im Land gilt auch hier: Was nicht direkt am Strand liegt wird ignoriert. Dementsprechend selten wird dieser Ortsteil besucht, wir sind die einzigen. 

Die ganze Gegend ist eigentlich ziemlich abgeschieden vom Rest des Landes. Über den Llogara Pass hierher zu fahren dauert und das macht man eigentlich nur wenn man Ferien hat. In den Wintermonaten muss der Ort hier ein gänzlich anderes Bild abgeben. Keine Touristen, nichts los, leere Strände und kein Einkommen. Die Gegend lebt vom Sommertourismus, ein geringer Teil wird mit Landwirtschaft eingenommen. Aber hier leben nur noch alte Leute, die Jungen ziehen weg. Abseits vom Tourismus gibt es keine Einnahmequellen. Es gibt keine Fabriken, keine Unternehmen, keine Verdienstmöglichkeiten. 

Aussichten in Himara.

Aussichten in Himara.

Im alten Teil von Himara leben Menschen in totaler Ruhe. Uns begegnet nur ein Ziegenhirt, der lautstark vor sich hinplappert. Oder seinen Ziegen was erzählt, so genau finden wir es nicht raus. Ein Teil des Ortes besteht aber auch aus Ruinen, welche ein wunderschönes Bild abgeben. Überwachsen mit Pflanzen, der Duft von Eukalyptus liegt in der Luft, finden wir alte Gotteshäuser in den Steingemäuern. Sie wirken auf mich faszinierend, aber auch etwas gruselig. Die Sicht von den alten Ruinen über das neue Himara und die Bucht ist atemberaubend. Wunderschön ist es hier.

Alte Kirche in Himara.

Alte Kirche in Himara.

Etwas eigenwillige Gotteshäuser im alten Teil von Himara.

Etwas eigenwillige Gotteshäuser im alten Teil von Himara.

Einblicke in andere Welten.

Einblicke in andere Welten.

Fahrrad fahrende Frauen in Shkodra

Wir machen uns wieder auf den Rückweg. Richtung Norden machen wir nochmals einen Zwischenstopp in Tirana. Zu gut hat uns die albanische Hauptstadt gefallen. Der Groove, das Leben, die Begeisterung, die Jugend – das alles ist in Tirana spürbar und wir wollen mehr davon. Wenn du mehr wissen willst, gehts hier zum Artikel: Tirana – Jung, wild und voller Farbe

Wovon ich dir aber noch erzählen möchte, ist von den fahrradfahrenden Frauen in Shkodra. Also über die Stadt im Norden Albaniens, Shkodra, gibt es natürlich noch mehr zu erzählen, als von radelnden Frauen. Aber das ist eine der Besonderheiten davon. Ja, so ist es tatsächlich. Bereits als wir ankommen bemerken wir, dass es hier gechillt zu und her geht. Irgendwie gemütlicher einfach. Erst können wir gar nicht so benennen, was denn eigentlich anders ist, bis es uns wie Schuppen von den Augen fällt. Hier fahren alle Fahrrad! Es gibt sogar Fahrradwege.

Albanien ist ein Autoland. Und ganz gemäss den Klischees definieren sich hier auch viele Leute über ihren fahrenden Untersatz. Logisch wird dieser auch regelmässig und lautstark zur Schau gefahren. Shkodra ist jedoch eine Fahrradstadt. Dass alleine ist in Albanien schon ungewöhnlich genug. Aber hier fahren auch Frauen auf Fahrrädern rum. Was für mich nicht weiter von Bedeutung ist, gestaltet sich in Albanien als kleine Sensation. Die Stadt ist landesweit bekannt für ihre Frauen, einfach nur, weil diese ganz selbstverständlich Fahrrad fahren. Dies ist in Albanien eine Männerangelegenheit und für Frauen eher unschicklich. In einem Dorf würde es wohl kaum einer Frau einfallen auf ein Fahrrad zu steigen und einfach damit herumzufahren.

Shkodra, die Fahrradstadt in Albanien.

Shkodra, die Fahrradstadt in Albanien.

In meinem Welt- und Selbstverständnis sind sich Frauen und Männer ebenbürtig, ganz egal worum es geht. Es gibt kein besser oder schlechter oder etwas, was das eine Geschlecht nicht können sollte oder dürfte. Daher sind solche Relikte aus der Vergangenheit wie, dass eine Frau nicht Fahrrad fahren sollte, für mich kaum zu ertragen. Oder, was heisst hier Vergangenheit? In Albanien scheint dieses Bild immer noch zum Alltag zu gehören. Das Land ist stark patriarchalisch geprägt und Frauen müssen unzählige Hindernisse und Diskriminierungen ertragen. Leider ist dies bei weitem nicht nur in Albanien so, sondern in allen Ländern der Welt zu finden. Immer noch. Arbeiten wir daran, dass dies hoffentlich irgendwann nicht mehr so sein wird!

Shkodra ist eine hübsche Stadt. Jedenfalls entlang der schönen Flaniermeile, wo der bekannte Abendspaziergang wie auch sonst überall im Land, zelebriert wird. Wie immer ein Erlebnis! In der langen Fussgängerzone reiht sich Restaurant an Café, Moschee an Kirche, es gibt wiederhergestellte historische Häuser zu bestaunen und allerlei einzukaufen.

Rund um Shkodra gibt es einige historische Bauten zu erkunden. Dazu gehört die Ura e Mesit, eine ottomanische Bogenbrücke aus dem 18. Jahrhundert. Wer Zeit und Lust hat, dem empfehle ich einen Abstecher zur acht Kilometer entfernten Brücke. Diese gehörte zur Handelsroute, die entlang der albanischen Alpen nach Kosovo führte.

Die Brücke Ura i Mesit in Shkodra.

Die Brücke Ura i Mesit in Shkodra.

Ein wunderbarer Bau!

Ein wunderbarer Bau!

Eine wunderbare Aussicht findest du von der Festung Rozafa. Auf der einen Seite folgt der Blick über Shokdra und den Skutarisee, auf der anderen passieren die Flüsse Drin und Kir. Egal von wo, der Aufstieg lohnt sich und der Ausblick ist vor allem bei Sonnenuntergang atemberaubend.

Ausblick von der Festung Rozafa.

Ausblick von der Festung Rozafa.

Die Festung Rozafa in Shkodra.

Die Festung Rozafa in Shkodra.

Ausblick von der Festung Rozafa.

Blick von der Festung Rozafa.

Mein Albanien Resümee

Unsere Reise nach Albanien wird noch lange nachhallen. Es ist einer der ersten Roadtrips, welchen wir mit unserem Baby gemacht haben. Zusätzlich ist Albanien ein spannendes und kontrastreiches Land, an welchem wir nur an der Oberfläche gekratzt haben. Dank meiner vorangehenden Reise in den Kosovo, wo ich kompetente Guides dabei hatte, konnte ich mich bereits etwas mit der Kultur auseinandersetzen und hatte bereits ein wenig Vorwissen.

Die albanische Geschichte und Kultur ist von der Vergangenheit bis hin zur Gegenwart äusserst komplex und vielschichtig. Obwohl in der Schweiz viele Albaner leben und mir die Kultur daher nicht komplett fremd ist, offenbart eine Reise mit offenen Augen doch viele Eigenarten und mir fremde Gegebenheiten. Aber so bleibt das Reisen spannend und bietet immer wieder neue Ansichten, Lebensweisen und Denkanstösse. Und genau deswegen liebe ich das Unterwegs sein so sehr. 

Das will ich auch meiner Tochter weitergeben. Es gibt so viele unterschiedliche Wege wie wir unser Leben gestalten können. Was wir daraus machen und worauf wir den Fokus setzen. Was für mich stimmt, hat für dich unter Umständen wenig oder gar keine Bedeutung. Und das ist ok so. Wir müssen alle unseren eigenen Weg finden und gehen. Ich hoffe jedenfalls, dass mein Weg mich früher oder später zurück nach Albanien führt. In diesem Land gibt es noch einiges zu entdecken.

Hier gibt es noch weitere Eindrücke unserer Reise:

Fahrt auf den Llogara Pass in Albanien.

Fahrt auf den Llogara Pass in Albanien.

Ausblicke vom alten Teil von Himara.

Ausblicke vom alten Teil von Himara.

Himara, Albanien.

Himara, Albanien.

Leckere Blätter.

Leckere Blätter.

Blick auf das Ionische Meer.

Blick auf das Ionische Meer.

Übliche Bilder in Albanien.

Übliche Bilder in Albanien.

Park in Shkodra.

Park in Shkodra.

Kunst im Andenken an weniger gute Zeiten.

Kunst im Andenken an weniger gute Zeiten.

Shkodra, Albanien.

Shkodra, Albanien.

Flaniermeile in Albanien.

Flaniermeile in Albanien.

Abendliche Strassenszene in Albanien.

Abendliche Strassenszene in Albanien.

Meeresbrise.

Meeresbrise.

Die albanische Flagge weht überall.

Die albanische Flagge weht überall.

Weites Albanien.

Weites Albanien.

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2 Kommentare

  • Step sagt:

    Toller Artikel, der Albanien wieder weiter nach oben rückt in meiner Prioritätenliste. Vielleicht schaff ich es im nächsten Frühjahr, da ist es bestimmt auch schön wenn alles blüht und noch nicht überlaufen ist.

    Und auch mit deiner Einschätzung dass Menschen wegen Geschlecht (oder heutzutage leider wieder immer öfter auch wegen ihrer Herkunft) nicht gleichwertig sein sollen ist unerträglich, leider rückt diesbezüglich fast unser ganzer Kontinent in eine bedauerliche Richtung und mein Heimatland ist peinlicher Weise an vorderster Front mit dabei. ..

    Jedenfalls Gruß aus der Schweiz

    • Der Frühling ist bestimmt eine tolle Reisezeit für Albanien. Bereits schön warm und noch nicht überlaufen.

      Ich weiss was du meinst. Egal wer welches Geschlecht hat, egal wer wie aussieht und egal wer von wo kommt – schlussendlich sind wir alle einfach Menschen. Und niemand muss sich über den anderen erheben wollen.

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