Wie wir mit Plastik unsere Meere in eine Müllhalde verwandeln

„Noch ein bisschen paddeln, Sarah. Auch wenn die Arme schmerzen, nicht aufhören, immer und immer weiter paddeln. Beine strecken, Oberkörper schön aufrichten und weiter paddeln. Immer schön weiter hinaus auf den Ozean, so dass ich mich bereitmachen kann, um die nächste Welle zu surfen. Aber was fühlt sich da so eklig an in meiner rechten Hand? Während ich auf dem Surfbrett liege und meine Hand aus dem Wasser ziehe, sehe ich den Plastiksack. Schon wieder einer.“

Ich bin ein Naturkind. Ich liebe es über alles, wenn ich draussen sein kann. Da ich in der Schweiz wohne, bin ich natürlich oft in den Bergen unterwegs. Ich mag es, draussen Sport zu machen, zu Wandern, Biken, Klettern. Ganz besonders mag ich aber auch das Meer. Ich liebe das Meer!

Vor vielen Jahren habe ich auf Koh Tao in Thailand den Tauschschein gemacht. Vor einiger Zeit habe ich angefangen zu Surfen. Menschen, die jahrelang um die Welt Segeln und auf offener See zu Hause sind, haben meinen grössten Respekt. Wie viele schöne Stunden habe ich wohl schon auf abgelegenen Inseln verbracht, nur vom Meer umgeben, und das Leben genossen? Ich vermisse es immer, wenn ich meine Füsse nicht in den Sand graben und von den Wellen umspülen lassen kann. Barfuss ist das Leben einfach besser!

Die Weltmeere sind unsere grösste Müllhalde

Aber jedes Mal wenn ich auf solchen wunderschönen Inseln bin, wird mir noch klarer als sonst, ein ganz grosses Problem in aller Deutlichkeit vor Augen geführt: Die Verschmutzung der Meere durch Plastik. Ich habe diese Problematik in Artikeln über eigentlich wunderschöne Inseln auch schon aufgeführt. So zum Beispiel also ich die Perhentian Inseln in Malaysia besucht habe oder vor der Müllverschmutzung auf Koh Rong Samloem in Kambodscha die Augen nicht mehr verschliessen konnte. Überall alles voller Plastik! Egal ob ich Tauchen gehe oder am Surfen bin, entweder habe ich plötzlich einen Plastiksack in meiner Hand oder zwischen den Korallenriffen mache ich Plastikflaschen aus und die Strände sind voll mit allem möglichen Plastikmüll.

Strand in Südostasien - Ein Anblick, welcher leider keine Seltenheit ist.

Strand in Südostasien – Ein Anblick, welcher leider keine Seltenheit ist.

In meinem Leben versuche ich Plastik weitgehend zu vermeiden. Dennoch ist dieses Material rein aus Bequemlichkeit oft viel zu selbstverständlich. Beim Einkaufen doch noch eine kleine Plastiktüte mitnehmen, das Wasser in der Plastikflasche kaufen, obwohl es aus dem Hahn doch noch viel besser ist oder in der Gemüseabteilung jedes unterschiedliche Gemüse in einen einzelnen Plastikbeutel verstauen. Eigentlich alles nur Unsinn, aber dennoch ganz normal. Mir reicht es aber jetzt, ich will aktiv etwas dagegen tun.

From knowing comes caring, from caring comes change

Dieses Zitat stammt aus dem Film „ A Plastic Ocean“, den ich an der International Ocean Film Tour gesehen habe. Hier werden die spektakulärsten Abenteuer in tollen Filmen gezeigt. Es sind Surfer, Taucher und wagemutige Abenteurer zu bestaunen und danach bin ich wieder einmal völlig überzeugt davon, dass ich sofort auswandern muss. Ans Meer natürlich.

Die Filmtour hat mit dem Film „A Plastic Ocean“ aber auch die Verschmutzung der Weltmeere durch Plastik thematisiert. Im Rahmen dieses Films durfte ich mit Sigrid Lüber der Organisation OceanCare ein Interview zu eben diesem Thema führen und sie mit all meinen Fragen dazu löchern.

Ocean Care ist eine Schweizer NGO die sich für die Ozeane und deren Bewohner einsetzt. Dies erreicht OceanCare mit Forschungs- und Schutzprojekten, Kampagnen, Umweltbildung und ihrem Einsatz in internationalen Gremien. Seit 2011 ist OceanCare UN-Sonderberaterin für Fragen im Meeresschutz. Sigrid Lüber ist Präsidentin und Leiterin Internationale Zusammenarbeit bei OceanCare.

Meine Fragen an OceanCare

Um sich überhaupt eine vage Vorstellung machen zu können: Wie viele Tonnen Plastik landen pro Jahr in den Weltmeeren?

Sigrid Lüber: Jedes Jahr landen rund 9 Millionen Tonnen neuer Plastikmüll in den Ozeanen.

Wieso ist das eigentlich so schlimm, resp. welche Auswirkungen hat das Plastik im Meer auf die Tiere und die Umwelt?

Sigrid Lüber: Plastik ist ein Material, welches für die Ewigkeit geschaffen ist. Es löst sich nie auf, sondern zersplittert in kleinste Teile. Zudem hat Plastik nicht nur die Fähigkeit Giftstoffe aufzunehmen, sondern auch ebendiese wieder abzugeben. Plastik ist ein toxisches Lager für die Ewigkeit.

Im Bezug auf die Tiere im Ozean hat Plastik gravierende Auswirkungen. Tiere können Plastik nicht von ihren natürlichen Nahrungsquellen unterscheiden und essen dieses. Damit lagern sich Giftstoffe im Fettgewebe des Tieres ab, ihr Magen-Darm-Trakt verstopft sich, das Immunsystem wird geschwächt und da sie voll mit Plastik sind, können die Tiere keine weitere Nahrung mehr aufnehmen. Sie verhungern mit einem Bauch voller Plastik. Es wurden 9 Wochen alte Jungvögel tot gefunden, welche 273 (!) Plastikteile in ihrem Bauch hatten!

Bei grösseren Plastikteilen im Meer ist die Gefahr da, dass Jungtiere damit spielen und sich darin verfangen. Sie wachsen dann sozusagen in die Plastikteile hinein, welche sie nicht mehr loswerden (z.B. Plastikringe o.ä.) und ersticken daran. Wale können sich in Bojen verfangen und dann nicht mehr abtauchen.

Welche negativen Auswirkungen hat das Plastik in den Meeren auf uns Menschen?

Sigrid Lüber: Es gibt ökonomische Auswirkungen, welche lokale Fischer besonders hart treffen. Es hat so viel Plastik im Wasser, dass sie gar nicht mehr aufs Meer hinausfahren können. Dies ist besonders in Indonesien oder Westafrika der Fall. So fällt für ganze Familien eine Nahrungs- und Einkommensquelle weg.

Aber auch für uns als Konsumenten von Fisch oder sonstigen Meerestieren hat dies direkte gesundheitliche Folgen. Fische essen Plastik und die Giftstoffe dessen setzen sich in deren Fleisch ab, welches wir auf unseren Tellern direkt aufnehmen. Wer Fisch isst, isst Plastik.

Ganz grundsätzlich: Wie entsteht Plastik eigentlich und warum dauert die Zersetzung so lange?

Sigrid Lüber: Plastik wird nicht einfach nur aus Erdöl hergestellt, da werden jede Menge Chemikalien beigemischt. Dies kommt immer darauf an, welchen Charakter das Plastik haben soll. Soll es ein weiches Plastik werden oder doch eher ein Hartplastik? Diese Chemikalien sind so stark miteinander verbunden, dass die Zersetzung quasi nicht stattfindet.

Wie können sich die Weltmeere von der Plastikverschmutzung erholen und was sind die aktuellsten Trends um der Verschmutzung Herr zu werden?

Sigrid Lüber: Grundsätzlich kann man das Meer nicht mehr von der Plastikverschmutzung befreien. Selbst in den Tiefen wie dem Marianengraben ist noch Plastik zu finden.

Leider sind die Technologien, mit welchen zur Zeit experimentiert wird, nicht sinnvoll. Ein Beispiel dazu ist das Projekt Ocean Clean Up, um Plastik aus dem Meer zu holen. Damit wird nicht nur Plastik aus dem Meer geholt, sondern auch eine Menge an Kleinstlebewesen und Jungfischen, was wiederum einen enormen Eingriff auf die Nahrungskette hat. OceanCare und weitere namhafte Organisationen sprechen sich gegen solche Fangnetze aus.

Sinnvoller ist Aufklärung, damit nicht noch mehr Plastik in den Meeren landet. Kein Einwegplastik mehr zu benutzen, Beach Cleaning Aktionen zu unterstützen und dazu beitragen, dass das Plastik, welches angeschwemmt wird, nicht mehr ins Meer zurück kommt, ist am sinnvollsten.

Was kann jeder einzelne im Urlaub tun? 

Sigrid Lüber: Sehr gut kann man lokale Aktionen unterstützen wie ein Beach Cleaning Day und damit mit gutem Vorbild vorangehen. Ich empfehle hier noch vor der Reise mit Organisationen wie Trash Hero Kontakt aufzunehmen und zu schauen, was an der Reisedestination für Aktionen geplant sind.

Ausserdem kann man auch in Hotels auf PET-Flaschen verzichten und Mehrwegflaschen verlangen. Ebenso kann man Plastikmüll, welchen man am Strand findet, im Hotel fachgerecht entsorgen lassen.

Müll auf den Perhentian Inseln in Malaysia.

Müll auf den Perhentian Inseln in Malaysia.

Thema Trinkwasser: Brauchen wir eigentlich in Plastikflaschen abgefülltes Wasser oder reicht normales Wasser aus dem Hahn auch?

Sigrid Lüber: Nicht überall auf der Welt gibt es sauberes Trinkwasser und man muss demnach Wasser in Flaschen kaufen. In diesem Fall kann man aber auf Mehrwegflaschen achten.

In der Schweiz kann Wasser problemlos getrunken werden und meist ist das Wasser aus dem Hahn sogar besser als das Flaschenwasser.

Mit Wasser aus PET-Flaschen unterstützt man ausserdem das Monopolisieren grosser Firmen von Wasserquellen. Diese kaufen Wasserquellen in Ländern wie Äthiopien, welche ansonsten am austrocknen sind. Ethisch gesehen ist dies nicht zu verantworten.

Was viele nicht wissen: Das Verfallsdatum auf den PET-Flaschen bezieht sich nicht auf das Wasser, welches darin ist, sondern auf die Flasche selber. Ab diesem Datum beginnt das Plastik die Giftstoffe an das Wasser abzugeben.

Ein Thema, welches noch breiter diskutiert werden sollte, ist Mikroplastik in Kosmetika. Ich glaube, dass vielen Leuten das gar nicht bewusst ist. Was resultiert daraus und wie kann ich das vermeiden?

Sigrid Lüber: Mikroplastik in Kosmetika ist ein grosses Problem, welches verkannt wird. Dazu gibt es Apps, welche dem Konsumenten anzeigen, ob das Produkt Plastik enthält und womit man sich orientieren kann. Die App gibt es hier zum download und hier ist eine Liste mit Pflegeprodukten mit Mikroplastik zu finden.

Wie kann jeder einzelne im alltäglichen Leben Plastik vermeiden? Haben Sie konkrete Tipps?

  • Mit Veggie Bags lassen sich viele Plastiksäcke beim Früchte und Gemüse einkaufen einsparen. Diese Säcklein lassen sich beliebig oft benutzen, ich habe meines schon seit 10 Jahren. Zu kaufen gibt es diese bei OceanCare oder neu auch schweizweit bei Migros. Anmerkung: Auf der Homepage von Migros ist dazu zu lesen: „In der Testphase wurden über 200‘000 Veggie Bags verkauft. Wenn jeder der im Pilot verkauften Veggie Bags 20 Mal wiederverwendet wird, so hätten bereits über 4 Millionen Einwegplasticksäcklein vermieden werden können.“ Eindrücklich, oder?
  • Verzichte weitgehend auf Wasser in PET Flaschen und benutze wiederverwertbare Flaschen aus Glas.
  • Bei vielen Take Away Läden gibt es wiederverwertbares Geschirr. Damit kann eine Unmenge an Plastikmüll eingespart werden. Ein Beispiel ist ReCircle.
  • Durch das Waschen vieler (Outdoor)-Kleidung gelangen abgebrochene Kunststofffasern ins Abwasser und somit in Flüsse und Meere. Dieses Mikroplastik kann von Waschmaschinen und Kläranlagen leider nicht gefiltert werden. Abhilfe schaffen hier Wäschebeutel in denen die Kleidung in der Maschine gewaschen werden kann. Ein Beispiel dazu gibts bei guppyfriend.

Vielen Dank Frau Lüber für Ihre Zeit und das äusserst spannende Interview!

Ich habe einige Tipps mitgenommen, um meinen Plastikkonsum weiter zu reduzieren und werde in Zukunft noch mehr darauf achten, welche Kosmetika ich kaufe und ob ich den einen Plastiksack wirklich brauche. Durch ein verbessertes Bewusstsein zum Thema Plastik lässt sich bereits vieles bewirken. Der immer gleiche Spruch „Nur wenn ich diesen Plastiksack nicht benutze, ändert das doch auch nichts“, der zählt nicht. Es fängt immer im Kleinen an.

Was hast du auf Reisen für Erfahrungen mit Plastik gemacht? Hast du vielleicht auch noch Tipps um den Plastikmüll zu reduzieren?

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6 Kommentare

  • Ein sehr interessantes Thema und gutes Interview mit vielen Tipps. Wir haben unseren Plastik-Konsum auch drastisch gesenkt.

    • Der Plastikkonsum lässt sich mit ein wenig Nachdenken schon ganz einfach reduzieren. Eigentlich braucht es nicht viel, nur ein wenig Sensibilität und das Hinterfragen von Gewohnheiten…

  • helga sagt:

    Liebe Sarah
    mich beschäftigt das Thema auch schon länger.
    Unseren Müll haben wir z.b. von dem Malediven in die Schweiz mitgenommen, da er hier fachgerechter entsorgt werden kann.
    Bei uns im Dorf (Kanton Freiburg) gibts die Möglichkeit, alle Plastik-Verpackungen neu separat zu sammeln und nicht mehr in den Hausmüll zu schmeissen. Der grosse Sammel-Sack kostet 2.- und kann bei Werkhöfen abgegeben werden.
    Ich hoffe, dies setzt sich auch an anderen Orten durch.

  • Susanna sagt:

    Ich finde diesen Artikel beeindruckend und so wichtig! Ich selbst habe bei meinen Reisen an Stränden immer eine Tüte dabei und versuche zumindest das was ich aufsammeln kann, aufzusammeln. Und ich verzichte auf Wasser aus Plastikflaschen und suche nach Trinkwasseranlagen oder bestelle im Restaurant, oder wenn es nicht anders geht, kaufe ich Wasser in 5 Liter Kanistern…

    LG
    Susanna

  • […] Veränderung der Gesellschaft mithalten kann. Ich habe kürzlich schon einen Artikel über Plastik in unseren Meeren verfasst, wo ich auch thematisiert habe, wie wir Plastik in Verpackungen sparen können. Im Lose […]

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