Mit dem Segelboot um die Welt – ein Interview

Yvonne, meine ehemalige Handarbeitslehrerin, hat eines Tages vor der ganzen Schulklasse verkündet, dass sie nach diesem Schuljahr nicht mehr unterrichten würde. Sie habe zusammen mit ihrem Mann ein Segelboot gebaut und werde damit eine grosse Reise antreten.

Das Staunen war natürlich gross und insbesondere für mich eine riesen Überraschung. Ich habe schon zu Schulzeiten gewusst, dass es mich hinaus in die Welt zieht. Seit ich denken kann, wurde in meinem Kinderzimmer jeweils eine Wand von einer überdimensionalen Weltkarte geziert. Darauf habe ich dann ab sofort die Route von den beiden studiert.

Mittlerweile sind Yvonne und Bruno seit fast 13 Jahren unterwegs. Zwei herzliche Menschen, die mutig waren und den Schritt zur Verwirklichung ihres Traumes gewagt haben. Ich durfte sie mit Fragen löchern, aber lest doch einfach selbst…

Mit dem Segelboot um die Welt

 

Yvonne und Bruno, ihr segelt seit rund 13 Jahren mit einem individuell gebautem Boot über die Weltmeere. Für alle, die euch nicht kennen: Erzählt doch bitte kurz wer ihr seid.

Wir sind beide in der sicheren Schweiz aufgewachsen. Yvonne (53) war Lehrerin und Bruno (64) in verschiedenen Branchen, im eigenen Geschäft, tätig. Brunos Devise lautete immer: Nach 10 Jahren, wenn sich die Routine bemerkbar macht, eine neue Herausforderung zu suchen.

Als wir uns vor 30 Jahren kennen lernten war es für uns wichtig, dass wir unsere Freizeit gemeinsam gestalten konnten. So entdeckten wir das Segeln. Wir hatten zuerst ein kleines Segelboot auf dem schweizerischen Neuenburgersee und lernten dann das Hochseesegeln auf dem Mittelmeer.

 

Ihr habt euer Segelschiff selbstgebaut. Wie lange hat das gedauert und hattet ihr bereits Vorkenntnisse?

Wir beide arbeiten einfach gerne mit unseren Händen, wir sind kreativ und lieben gute Qualität. Doch es war harte Arbeit. Zum Glück hat Bruno mit seiner damaligen Firma, der Friendship Schweiz, einen tollen Job gemacht und eine super Blauwassersegelyacht gebaut.
Wir hatten beide weiterhin voll gearbeitet (es musste ja auch noch Geld verdient werden) und am Abend, übers Wochenende und in den Ferien haben wir auch an unserer „MOMO“ gebaut.

Den Aluminiumrumpf liessen wir von einer professionellen Firma schweissen und auch bei vielen technischen Arbeiten zogen wir spezialisierte Firmen hinzu. Wir haben meistens die Vor- und Handlangerarbeiten geleistet. Auch haben uns immer wieder Freunde geholfen, sei es um ein Problem zu lösen oder einfach nur zur Unterstützung.

Wir haben fünf Jahre geplant, dies machte vor allem Bruno, und anschliessend haben wir zusammen sechs Jahre am Boot gebaut.

Yvonne und Bruno

Euer Schiff habt ihr in eurem damaligen Zuhause in Beitenwil im Kanton Bern im Garten gebaut, meilenweit vom Meer entfernt. Seid ihr oft auf Unverständnis oder gar Hindernisse durch andere Menschen gestossen, wenn ihr von euren Plänen erzählt habt? Wenn ja, wie seid ihr damit umgegangen?

Klar haben alle gedacht, dass wir verrückt sind und dass dieses Boot nie Wasser sehen wird. Ganz wichtig war immer, dass wir beide denselben Traum hatten und uns gegenseitig wieder motivieren konnten. Dies haben wir immer wieder beim Betrachten von Reiseberichten, tollen Fotos und Filmen getan. Wir sassen vor dem Fernseher und sagten uns: Eines Tages werden wir dies auch einmal in Wirklichkeit erleben und mit diesen positiven Gefühlen gingen wir wieder an die Arbeit.

Bei einem solchen Projekt müssen unbedingt beide voll dahinter stehen, sonst erleidet es unweigerlich Schiffbruch.

 

Was treibt jemanden an Hab und Gut zu verkaufen und jahrelang durch die Welt zu segeln? Wie ist es dazu gekommen und wo ungefähr seid ihr bisher gewesen?

Wir reisen beide gerne. Früher haben wir Europa mit einem Camper bereist und auf einer solchen Reise, über Weihnachten in Spanien, sahen wir ein paar Segelboote in einer Bucht ankern. Da kam die Idee auf, dass wir im Jahre 2000 eine Weltumsegelung starten könnten, einfach so, ganz spontan.

Von da an ließ uns dieser Traum nicht mehr in Ruhe und wir nahmen das grosse Projekt in Angriff. Zuerst lernten wir segeln und arbeiteten 11 Jahre, Schritt für Schritt, an der Verwirklichung unseres Traumes.

Als wir gestartet sind, wussten wir ja nicht, ob uns dieses Zigeunerleben gefallen wird. Wir sagten immer, vielleicht kommen wir nach einem Jahr, in 10 Jahren oder gar nicht mehr zurück. Wir haben unser wunderschönes Bauernhaus in Beitenwil (BE) nicht verkauft. Dieses ist vermietet und von den Einnahmen leben wir. In einigen Ländern ist dies sehr einfach möglich und in anderen Ländern müssen wir noch von unserem Ersparten dazutun.

Hier sind einige Stationen unserer bisherigen Reise:
Die üblichen Länder und Inseln im Mittelmeer und Tunesien in Afrika, die Kanaren und Kapverden, dann rüber nach Brasilien, Franz. Guyana und die Karibik. Über Venezuela, die Dominikanische Republik und den Bahamas sind wir an der Ostküste der USA gelandet. Von hier aus haben wir ein ganzes Jahr das Inland mit einem Camper bereist. Dann weiter nordwärts, über New York bis zu den Grossen Seen hoch und runter in den Lake Michigan.

Von dort ging es auf dem Landweg nach Seattle, an die Westküste der USA. Die nächsten zwei Jahre verbrachten wir in Britisch Columbia und Alaska, bevor es runter nach San Franzisco und Mexiko ging. Französisch Polynesien, Samoa, Tonga, Neuseeland und letzten Winter in Fiji. Jetzt verbringen wir den südlichen Sommer noch einmal in Neuseeland und dann sehen wir weiter.

Fischen auf dem Segelboot

 

Gibt es einen Ort oder ein Land, dass euch während eurer Reise besonders ans Herz gewachsen ist?

Es gibt nicht nur einen Ort. Überall leben wunderbare und herzliche Menschen und in sehr vielen Ländern gibt es immer noch atemberaubende Natur; der Amazonas in Südamerika, die Nationalparks in den USA, Alaska, Mexiko, um nur einige zu erwähnen. Dann natürlich die exotische Südsee, die war schon echt einmalig. Die Inselbewohner haben eine sehr spontane und total offene Mentalität. Ganz natürlich und grosszügig liessen sie uns an ihrem einfachen Leben teilhaben.

 

Seid ihr auch in gefährliche Situationen geraten?

Nicht wirklich. Wir waren vorsichtig und hielten uns an ein paar wichtige Regeln. An Land passten wir uns immer den örtlichen Begebenheiten an: möglichst wenig auffallen, dezente Kleidung und keinen Schmuck tragen.

In gewissen Regionen verliessen wir das Boot nach Anbruch der Dunkelheit nicht mehr. Die Piraterie war natürlich auch ein Thema für uns. Konnte man die betroffenen Gebiete nicht vermeiden, so segelten wir zum Schutz immer ein paar Boote zusammen.

Und dann studieren wir natürlich vor jeder Fahrt immer die Wettervorhersagen. Wenn schon schlechtes Wetter angesagt ist, starten wir erst gar nicht. Klar, auf den langen Passagen muss man dann die Bedingungen nehmen, wie sie kommen. Doch wenn man in der richtigen Jahreszeit unterwegs ist, kann man auch so das Risiko für einen Sturm in Grenzen halten.

Mit den heutigen Möglichkeiten können wir auch auf hoher See jeden Tag das Wetter über Funk runterladen. Dies ist eine sehr grosse Hilfe für uns. Trotzdem erlebten wir ein paar heftige Fronten mit sehr starken Winden und da hatte ich, Yvonne, schon des öftern Angst. Man fühlt sich total ausgeliefert und ist hilflos gegenüber der riesigen Gewalt der Natur. Man muss ausharren und kann nur hoffen, dass es nicht schlimmer kommt.

 

Wie hat euch diese Zeit auf See als Paar verändert?

Wir verbringen 24 Stunden, 7 Tage, 52 Wochen gemeinsam, auf kleinstem Raum, und müssen oft alle Entscheidungen gemeinsam treffen. Dies ist eine riesige Herausforderung und ist natürlich nicht immer einfach. Doch für einen grossen Streit reicht oft die Zeit nicht, denn im nächsten Moment erfordert eine neue Situation wieder eine gute Zusammenarbeit. Wir können nicht einfach davon laufen und ausweichen.

Ich denke, wir sind sehr tolerant geworden und haben gelernt, dass sich die banalen Streitigkeiten eigentlich gar nicht lohnen. Doch immer wenn wir an Land sind, geniessen wir es jedes Mal, etwas alleine oder mit Freunden zu unternehmen.

Yvonne beim Korbflechten in der Südsee

 

Lange Zeit habt ihr auf See verbracht. Wenn man, wie ich, vom Segeln überhaupt keine Ahnung hat, wie muss man sich einen durchschnittlichen Tag auf See vorstellen? Was macht man da so?

Das Schiff benötigt sehr viel Unterhaltsarbeit, Reinigung und Wartung. Man ist eigentlich immer mit etwas beschäftigt. Auf einer mehrtägigen oder gar mehrwöchigen Passage hat man aber schon auch sehr viel Zeit für sich selber. Ich, Yvonne, kämpfe nach all den Jahren immer noch mit der Seekrankheit und dies schwächt mich zusätzlich.

Nebst den wichtigsten Aktivitäten, wie Ausguck, Navigation, Segel anpassen, kochen und abwaschen, lesen wir natürlich viel. Doch wenn es zu fest schaukelt, ist nicht einmal mehr dies möglich und jede Bewegung erfordert sehr viel Kraft. Eine Passage kann Freude, aber auch Stress und körperlich anstrengende Arbeit sein. Nach einer längeren Überfahrt kommen wir regelmässig mit ein paar Kilogramm weniger auf den Knochen an.

 

Ihr lebt euren Traum. Was ratet ihr den Menschen die noch mit der Verwirklichung ihrer Träume hadern und den Schritt noch nicht gewagt haben?

Wir wollten einfach nicht am Ende unseres Lebens sagen müssen: „Hätten wir doch“ oder eifersüchtig sein auf die, die den Mut zu einer Veränderung hatten. Die Zeit vergeht rasend schnell und plötzlich ist es zu spät, um die ganz grossen Träume zu verwirklichen.

Wenn wir in der Schweiz auf Heimaturlaub sind, erleben wir viele unserer Bekannten und Freunde als Gefangene der „Schweizer-Geldverdiener-Gesellschaft“. Doch sie haben leider Angst diesen sogenannt sicheren Ort zu verlassen. Aber viele Lebensgeschichten, nicht nur unsere, zeigen uns, dass, wenn man einmal den Schritt nach draussen wagt, sich eine grenzenlose Freiheit eröffnet und vieles möglich ist, was man vorher gar nicht gedacht hat. Man ist so überrascht, dass man auch mit viel weniger Geld auskommt und das Leben geniessen kann.

 

Eure Reise auf der „Momo“, quasi ein ganzer Lebensabschnitt, neigt sich langsam dem Ende zu. Wie fasst ihr diese Zeit zusammen, welche
Erkenntnisse nehmt ihr mit und was könnt ihr weitergeben?

Wir sind stolz, dass wir unseren Traum verwirklicht haben und sind dankbar für jede Minute. Viele von unseren Erlebnissen kann man nicht mit Geld kaufen, die bekommt man nur, wenn man sich die Zeit nimmt und offen ist.

Es hat uns gezeigt, dass andere Lebensformen und Gesellschaftsstrukturen ebenso glücklich machen können und dass man auch mit viel weniger Reichtum zufrieden sein kann. Wir fühlen uns heute viel freier. Wir haben gelernt, viel bewusster zu leben und uns nicht von all dem teuren Konsumverhalten verleiten zu lassen, was schlussendlich sowieso nur eine Ersatzbefriedigung ist.

Mit dem Segelboot in der Arktis

 

Ihr verkauft euer Segelboot und kommt zurück in die Schweiz. Was sind die Gründe, genau jetzt zurückzukommen?

Wir sind nun seit bald 13 Jahre unterwegs und haben dabei die halbe Welt umrundet. Ich, Yvonne, bin nun einfach reisemüde geworden, ich habe momentan meine Lust auf Neues etwas aufgebraucht. Ich möchte einfach wieder einmal irgendwo ankommen und nicht immer das Wissen im Hinterkopf haben, dass mein Visa in drei oder sechs Monaten wieder abläuft.

In all den Jahren haben wir gespürt, dass wir die Heimat nicht so einfach ersetzen können. Das Gefühl, dass uns mit der Heimat verbindet, ist einzigartig. Ich denke, dieses Gefühl bekommt man erst, wenn man doch einiges von der weiten Welt gesehen hat.

 

Wie seht ihr eure Zukunft?

Zuerst nehmen wir uns Zeit für unsere Familie, Eltern, Geschwister, Brunos Söhne, sein erster Enkel und die liebsten Freunde. Unser Haus in der Schweiz benötigt inzwischen auch ein paar Unterhaltsarbeiten und dann gibt es natürlich schon ein paar Dinge, die ich gegen das Ende unserer Blauwasserreise schrecklich vermisse: Garten, Haustiere und auch meine Kreativität möchte ich wieder vermehrt ausleben können.

Doch dann ist alles wieder offen, es kann sehr gut sein, dass uns die Schweiz nach einiger Zeit eventuell doch wieder zu eng wird…

 

Interessiert an Yvonnes und Brunos langer Reise auf den Weltmeeren? Du findest alle Informationen auf ihrer Homepage:

www.momo-sailing.ch

 

Fotos by Yvonne und Bruno

8 Kommentare

  • Franzi sagt:

    Wow. Danke das du diese tollen Menschen mit ihrem Leben vorgestellt hast.
    Sehr inspirierend.

    Ich lese hier sehr gerne =)
    Mach weiter so und viel spass weiterhin.

    lg
    Franzi

  • Oli sagt:

    Kleiner Tipp an Ivonne: Versuch einmal Hörbücher. Ich meine nicht Hörspiele, sondern solche Bücher, bei denen jemand das Buch vorliest. Das kannst du auf deinem MP3-Spieler laufenlassen.

    Eine Freundin von mir, die alleine von der Schweiz nach Laos radelte, „las“ so während dem Velofahren. Auch ich geniesse Hörbücher, wenn ich unterwegs bin, weil es mir beim Lesen im Bus schnell schlecht wird. Und ich finds auch „gäbig“, wenn ich im einem Schlafwagen noch ein bisschen was „lesen“ kann, wenn das Licht schon aus ist.

    Und für mich, der ich bisher hauptsächlich mit dem Rucksack unterwegs war, gilt natürlich auch: Bücher sind schwer.

    • Sarah sagt:

      Ich finde Hörbücher auch eine tolle Idee, allerdings schweifen meine Gedanken immer ab oder ich schlafe ein! Irgendwie kann ich mich einfach nicht darauf konzentrieren. Wenn es einem aber während dem Fahren schlecht wird oder man mit dem Fahrrad unterwegs ist, kann ich es als Alternative gut nachvollziehen. Ich jedoch bin ein Fan von E-Book Readern. Sie sind leicht und alle Bücher sind jederzeit verfügbar.

  • Christina sagt:

    Hach, wie schön. Erinnert mich an meine 10-monatige Zeit (ein Schuljahr) auf einem Privatkatamaran als Privatlehrerin. Habe dabei auch einige Stationen, die Yvonne und Bruno gesehen haben, erlebt.
    Das Thema Seekrankheit kenne ich auch. Dazu habe ich selber auch einen Artikel geschrieben (5 Sachen, die man wissen sollten, wenn man einen Ozean überquert). 😀

    Dennoch kann ich nachvollziehen, dass nach über einem Jahrzehnt Schluss ist für die Beiden und dass sie wieder ein „geregeltes“ Leben führen möchten.

  • Peter P. Odermatt sagt:

    Und nun wieder zurück in der Schweizer „Geldverdiener-Gesellschaft“… Ohne das geht es eben nicht. Ständig am Reisen, ist nicht interessant. Aber jedes Jahr zwei Monate auf perfektem Niveau – das macht Spass!

    • Na ja, 13 Jahre ist schon ein ganzes Stück… Es gibt verschiedenste Möglichkeiten, das Leben zu gestalten. Manche Reisen eben lieber länger am Stück, andere eher kürzer. Alles hat seine Berechtigung und wenn jeder das findet, was für ihn passt, sind alle gut aufgehoben.

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