Zermatt und mein Knieschlottern auf dem Klettersteig

Zermatt für Adrenalinjunkies? Als ich die Einladung der Schweizer Jugendherbergen in meinem Postfach finde, ist klar: Ich bin dabei. Sowas lasse ich mir doch nicht entgehen, denn ein Punkt auf dem Programm weckt mein Interesse ganz besonders. Es ist der Klettersteig. Ich habe mir für diesen Sommer vorgenommen einen Klettersteig zu besuchen. Ich hatte da zwar schon eine andere Destination geplant, aber hey, es ist Zermatt. Da sage ich nicht Nein.

Wochenlang bin ich damit meinen Freunden auf den Geist gegangen. „Klettersteig“! „Zermatt“! Endlich ist es also soweit und alle waren froh, dass ich endlich unterwegs bin und ihnen damit nicht weiter auf die Nerven gehe.

Im Bergsport Zentrum in Zermatt fassen wir alle einen Helm und einen Klettergurt und machen uns zu Fuss auf zur Gornerschlucht. Wir laufen etwa eine Viertelstunde zur Gondelbahnstation und nach kurzer Fahrt steigen wir in Furi auch schon wieder aus.

Zu unserem Bergführer Bruno fasse ich sofort Vertrauen. Es geht eine grosse Ruhe von ihm aus, er ist unaufgeregt und bodenständig. Durch ihn wird die Gruppe gar nicht erst nervös und  alle bleiben gelassen. Er erklärt uns, wie wir uns sichern müssen, wie die Karabiner funktionieren und schon geht es los. „Macht einfach ganz langsam und nehmt euch so viel Zeit wie ihr braucht. Auch wenn der vor euch plötzlich viel schneller unterwegs ist als ihr, es ist egal.“

Die Ausrüstung für den Klettersteig liegt bereit.

Die Ausrüstung für den Klettersteig liegt bereit.

Aber Achtung: Nicht ohne Bergführer unterwegs sein!

Aber Achtung: Nicht ohne Bergführer unterwegs sein!

Zu Bruno Jelk fasse ich sofort Vertrauen.

Zu Bruno Jelk fasse ich sofort Vertrauen.

Beim ersten kleinen Stück geht es abwärts in die Schlucht. Es ist ein gutes Stück, um mit dem Equipment vertraut zu werden und sich an das Vorwärtsgehen mit Sicherung zu gewöhnen. Nach ein paar Meter wartet auch schon Bruno, er macht seelenruhig alles zum Abseilen bereit. Für mich kein Problem, ich habe das doch schon ein paar Mal gemacht, ausserdem habe ich vor einiger Zeit mit Klettern angefangen. Es ist mir also vertraut und alles geht problemlos.

Unten angekommen bekomme ich das erste Mal einen Eindruck davon, was mich hier erwarten wird. Die „Gornera“ bahnt sich ihren Weg durch die Gornerschlucht und beeindruckt mich von der ersten Sekunde an.

Der Trail startet langsam und gemütlich...

Der Trail startet langsam und gemütlich…

...aber bereits nach ein paar Minuten wird das erste Mal abgeseilt.

…aber bereits nach ein paar Minuten wird das erste Mal abgeseilt.

Die ganze Gruppe kommt gut unten an. Es kann weiter gehen. Bruno geht wieder voran, ich hinter ihm, dann folgt der Rest der Abenteuerlustigen. Ich bin zuversichtlich, ich habe schliesslich weder Höhenangst und meistens stürze ich mich kopfüber in solche Aktionen.

Es gibt Eisen, die in die Felswand eingelassen sind, auf denen wir vorwärts klettern können. Wir gehen immer höher, es wird immer enger, ich sehe nicht um die Ecke und plötzlich sehe ich auch Bruno nicht mehr. Dann stehe ich da, oder besser gesagt, hänge ich an der Felswand, hinter mir fünf Leute und vor mir: Nichts. Jedenfalls kommt es mir so vor. Ich merke, wie ich total blockiert bin und weder vorwärts noch rückwärts kann. Ich weiss mir einfach nicht zu helfen und auch das Zureden von Michelle, die direkt hinter mir steht, hilft nichts. Ich weiss einfach nicht, wo ich meinen Fuss als nächstes hinsetzen soll und wie ich weiterkomme.

Gut gesichert geht es durch die Gornerschlucht.

Gut gesichert geht es durch die Gornerschlucht.

Und bevor es richtig prekär wird, nochmals posieren.

Und bevor es richtig prekär wird, nochmals posieren.

Die Gornerschlucht in Zermatt ist wunderschön und ein Besuch lohnt sich!

Die Gornerschlucht in Zermatt ist wunderschön und ein Besuch lohnt sich!

Ich komme wohl zu lange nicht vorwärts und plötzlich taucht vor mir das Gesicht von Bruno auf. Ganz langsam und mit einer Gemütsruhe erklärt er mir, wo ich welchen Fuss als nächstes hinsetzen soll. „Ok?“, fragt er. „Ja“, brummle ich vor mich hin. Und schon ist Bruno wieder weg. Also, einmal tief durchatmen und genau das machen, was er gesagt hat. Und es geht weiter. Ich habe die erste Hürde genommen und kann sie meistern. Das Ganze war weder gefährlich noch eine wirkliche Herausforderung. Für mich aber ganz ungewohnt, da ich das Gefühl von „stecken bleiben“ schon lange nicht mehr gekannt habe.

Dankbar für Brunos ruhige Art geht es also weiter. Wir überqueren noch einige ähnliche Stellen, aber die Angst ist weg und mein Vertrauen wieder da. Irgendwie geht immer alles gut und meistens ist es halb so schlimm, wie es anfangs aussieht. So gehe ich durch die Welt und bisher ist das eigentlich immer ganz gut gekommen. Über Felsvorsprünge, Leitern und Stege geht es vorwärts, alles in der beeindruckenden Gornerschlucht.

Wie die Gemsen klettern wir in der Gornerschlucht herum.

Wie die Gemsen klettern wir in der Gornerschlucht herum.

Das nächste Highlight kommt mit der „Rutsche“. Diese kenne ich bereits und ich weiss, dass sie Spass macht. Es ist super, über die Schlucht zu rutschen, in einem Klettergurt hängend hinüber zu flitzen. Über Stege, Leitern und Baumstämme geht es weiter, bis ich wieder bei Bruno stehe und er mich anschnallt, um über den Fluss zu pendeln. Ja, pendeln. Nach einem Stirnrunzeln von mir und einem wohl fragenden Blick, schubst er mich quasi rüber. Irgendwas findet er lustig an mir, er grinst mich jedenfalls immer an.

Bereit machen für die "Rutsche" durch die Schlucht.

Bereit machen für die „Rutsche“ durch die Schlucht.

Und los gehts!

Und los gehts!

Da gehts auch noch rüber....

Da gehts auch noch rüber….

...als Bruno auch schon das Pendel installiert.

…als Bruno auch schon das Pendel installiert.

Und los gehts über den Fluss!

Und los gehts über den Fluss!

Nach dem Pendel geht es weiter der Schlucht entlang, als wir in flachere Gefilde kommen und es fast schon entspannt wird. Hier dürfen wir noch einmal im Klettergurt über die Schlucht düsen, diesmal eine noch längere Strecke. Drüben angekommen sind alle schon etwas müde und irgendwie nehme ich an, dass wir schon fast am Ende des Trails sind. Aber etwas vom Besten sollte erst noch kommen…

Zwischendurch gibts auch kurz Pause....

Zwischendurch gibts auch kurz Pause….

...wo es am Wegesrand so einiges zu entdecken gibt.

…wo es am Wegesrand so einiges zu entdecken gibt.

Zum Abschluss gibt es nochmals eine Abseil-Runde und danach geht es so richtig steil in die Gornerschlucht runter. Wieder wird mir fast etwas kribbelig in den Beinen. Aber als ich dann den Pfad in luftiger Höhe erkenne, freue ich mich wie ein kleines Kind und Glückshormone durchfluten mich.

Ein schmaler Steg führt entlang der Felswände und es braucht Mut, sich darüber zu wagen. Ich muss natürlich runterschauen, um den Klettersteig in seiner Gänze wahrzunehmen. Aber machen das nicht alle so? Du weisst, du sollst nicht runterschauen, dann kannst du gar nicht anders, als einen Blick zu wagen… Es macht so richtig Spass und das Wechselbad der Gefühle auf diesem Trail hat es in sich.

Das letzte Stück des Klettersteigs hat es in sich!

Das letzte Stück des Klettersteigs hat es in sich!

Es braucht einiges an Überwindung, sich ruhig darüber zu bewegen.

Es braucht einiges an Überwindung, sich ruhig darüber zu bewegen.

Der Blick nach unten darf natürlich nicht fehlen.

Der Blick nach unten darf natürlich nicht fehlen.

„Also du bist mir dann noch ein Bier schuldig“, meint Bruno, als wir wieder festen Boden unter den Füssen und den Klettersteig beendet haben. „Warum das denn jetzt? Was habe ich bloss angestellt?“, so meine Frage. Er habe schon gesehen, dass ich mich einmal nicht genügend gesichert habe und ganz ohne Sicherung die Leiter runtergekommen sei. Und wenn ich es mir genau überlege, fällt es mir wieder ein. Ja, es stimmt. So schnell ist die Sicherung vergessen in der ganzen Aufregung.

Der Klettersteig in der Gornerschlucht in Zermatt.

Der Klettersteig in der Gornerschlucht in Zermatt.

Der Klettersteig in der Gornerschucht war ein tolles Erlebnis. Es war viel fordernder, als ich erwartet habe und ein echtes Highlight. Leuten mit Höhenangst rate ich aber dringend davon ab. Ausserdem ist gutes Schuhwerk angesagt, mindestens Wanderschuhe solltest du an den Füssen haben. Ich empfehle auch ein paar dünne Handschuhe mitzubringen. Das ist zwar kein Muss und ohne geht es problemlos. Aber die Hände werden halt etwas mehr geschützt und du kannst problemlos überall hingreifen. Gartenhandschuhe sind ganz besonders geeignet.

Handschuhe können auf dem Klettersteig ganz schön nützlich sein.

Handschuhe können auf dem Klettersteig ganz schön nützlich sein.

Die schöne Gornerschlucht in Zermatt.

Die schöne Gornerschlucht in Zermatt.

Als ich wieder in der Jugendherberge bin und nach unserem Bergführer Bruno Jelk google, wird mir bewusst, wieso Bruno so ist, wie er ist. Und dass ich mit einer Berühmtheit unterwegs gewesen bin. In den entsprechenden Kreisen würde jeder diesen Mann kennen und über meine Unwissenheit nur den Kopf schütteln.

34 Jahre war Bruno Jelk Chef der Rettungswacht in Zermatt und schon lange ist er auch international ein gefragter Mann. Als Lawinenexperte an der Winterolympiade in Sochi war er ebenso dabei, wie er in Nepal sein Können und Wissen den angehenden Rettungsexperten im Himalaya weitergibt. Darüber gibt es beim Schweizer Fernsehen SRF auch einen Dokumentarfilm und Bruno hat auch ein Buch über seine Einsätze im Himalayagebirge geschrieben.

Der Mann ist ein Held, hat er doch schon vielen Leuten das Leben gerettet. Davon lässt er sich aber nichts anmerken. Ich habe ihn einfach als Bruno kennengelernt, der mich über den Klettersteig in der Gornerschlucht geführt hat. Und dafür bedanke ich mich herzlich.

Warst du auch schon einmal auf einem Klettersteig?

**Meine Reise nach Zermatt wurde von den Schweizer Jugendherbergen, Zermatt Tourismus und den Zermatter Bergbahnen unterstützt. Selbstverständlich ist meine Meinung wie immer meine eigene.**

11 Kommentare

Schreibe einen Kommentar zu Corinna Outdoormädchen Antworten abbrechen