Leben und Reisen als Minimalistin

Ich bin nie ein Mensch gewesen, der viel Materielles braucht. Ich hatte nie das Bedürfnis, Dinge sammeln und horten zu müssen. Einzig meine Bücher bildeten da eine Ausnahme, da habe ich mich über jedes Neue gefreut, es sortiert und ins Bücherregal eingeordnet. Das ist aber auch das Einzige was man annähernd als Sammlung durchgehen lassen kann. Ich habe über die letzten Jahre meinen Besitz immer mehr minimalisiert. Das war nicht mal bewusst, ich habs einfach getan. In meiner letzten Wohnung habe ich ein Kellerabteil sowie einen Dachboden gehabt. Ich habe dort vier Jahre gewohnt, beide Abteile waren aber immer leer. Ich sah einfach keinen Grund, wieso ich etwas im Keller lagern sollte. Wenn es nicht in der Wohnung war, dann brauchte ich es nicht. Wieso also etwas im Keller lagern?

Als ich mich zu meiner Weltreise aufgemacht habe, ist es dann auch den letzten Dingen an den Kragen gegangen. Ich habe verkauft, verschenkt und weggeschmissen was nur ging. Was ich jetzt noch mein Eigen nennen kann, ist das was ich bei mir habe, in meinem Rucksack. Eingelagert habe ich einiges weniges an Kleidern, ein Bett, einen Schreibtisch, einen Küchentisch, Küchenzeugs und noch ein wenig Kleinkram. Aber ich kann mich auch an Dinge erinnern die ich zur Seite gelegt habe und mich jetzt frage, wieso ich die nicht auch weggeschmissen habe. Aber ich konnte mich damals einfach nicht davon trennen.

Mein übriggebliebener Besitz beschränkt sich nun auf eine kleine Ecke im Haus meiner Mama. Ich kann mich noch daran erinnern, als mein Bruder und ich die letzte Kiste verstaut haben. Wir sind davorgestanden und er meinte, er könne sich noch nicht richtig entscheiden, ob er mich nun bedauern oder bewundern soll.

Ja, das ist eigentlich eine gute Überlegung. Ganz oberflächlich betrachtet bin ich wohl zu bedauern, da ich so wenig Materielles besitze. Ein genauer Blick zeigt aber auf, wieso das keinenfalls zutrifft. Ich habe zwar fast gar nichts mehr an Materiellem und das was ich habe ist so alt, dass es kaum an Wert besitzt. Die teuersten Dinge sind wohl meine elektronischen Gadgets, aber auch das hält sich in Grenzen.

Wenig zu besitzen macht glücklich....

Wenig zu besitzen macht glücklich….

Die Entschlackung von Besitz kam für mich nicht mit der Entscheidung zur Weltreise, sondern hat sich schon seit Jahren abgezeichnet. Während viele Menschen sehr stark an ihren Dingen hängen und gerade vor einer Weltreise sich nicht davon trennen können, hat mir das keine Mühe bereitet. Jedes Stück das ich weggab löste in mir ein Jubel aus. Ich wurde fast süchtig danach, so viel wie möglich wegzugeben.

Warum das aber bei mir anfing, kann ich im nachhinein gar nicht mehr so genau ausmachen. Irgendwann habe ich damit angefangen und bemerkt, wie wohl ich mich fühle, je weniger ich mich um Dinge kümmern muss. Wo sie sind, was sie sind, ob sie mit allem anderen harmonieren, ob es eine neuere Version davon gibt usw.

Ist es eine unbewusste Antwort auf unser krasses Konsumverhalten? Ich konnte beispielsweise auch noch nie viel mit Shoppingtrips anfangen. Während viele Mädels einen Samstagnachmittag mit Shopping als riesen Spass empfinden, löste es bei mir das nackte Grauen aus. Auch Shoppen um sich dadurch besser zu fühlen ist mir fremd. Oder ist es eine Gegensteuer zur digitalen Welt? Darin bin ich selbst ja sehr stark eingebunden. Während das alles zugenommen hat, habe ich den Rest meines Lebens aufgeräumt und minimalisiert. Keine Ahnung was der Ursprung war, ich weiss es nicht.

Es ist mittlerweile schon so manches Jahr her, als ich damit angefangen habe. Es ist aber interessant zu beobachten, dass sich darum ein richtiger Lifestyle entwickelt hat, der des Minimalismus. Das hält sich nun schon so lange, das man nicht mehr nur von einem Trend sprechen kann. Einige treiben es soweit, dass das Entrümpeln auch bei ihrem Freundeskreis keinen Halt macht und sie kaum mehr als mit einem Schreibtisch leben. Bei den Meisten die so leben, ist aber eine starke Affinität zum Digitalen zu spüren. Sie arbeiten und leben digital. Für mich ist das kein Lifestyle oder eine Mode, sondern einfach wer ich bin.

Was hat das ganze Thema jetzt in einem Reiseblog zu suchen? Tja, Minimalismus hat sehr viel mit Reisen zu tun. Erstens gibts da ja ganz logische Gründe, wie z.B. das man halt nicht mehr als einen Rucksack voll mit sich rumtragen kann. Und wenn man auf Langzeitreise geht (ich sag jetzt einfach Langzeitreise, du kannst es auch Weltreise, Aussteigen oder Auswandern nennen), muss man sich zwangsläufig mit seinem Besitz auseinandersetzten, wenn man seine Wohnung aufgibt und die Dinge irgendwo unterstellen muss. Oder man verkauft seine Sachen um zu Geld zu kommen.

Langzeitreisen lässt einem automatisch zu einem Minimalisten in Sachen Besitz werden. Man trägt ein halbes Jahr die gleiche Kleidung und reist mit den selben drei Shirts durch die Welt. Auch die Schuhe beschränken sich auf ein Paar Flip Flops und ein Paar Turnschuhe. Mehr gibts nicht. Fertig High Heels, fertig prall gefüllter Schuhschrank. Man merkt, dass das reicht. Man merkt, dass man irgendwann aufhört, das „mehr“ zu vermissen. Ich kann mir jetzt nicht mehr vorstellen, wieso man 50 Paar Schuhe brauchen könnte. Beim Reisen wird man dann tatsächlich Minimalist.

Ich war schon Minimalistin, als ich noch in der Schweiz war. Aber jetzt auf Reisen natürlich zwangsläufig noch viel ausgeprägter. Woran ich jetzt aber noch arbeite, ist hin zu mehr Qualität. Hochwertigere Produkte. Gerade was die Elektronik und die Kleider anbelangt, ist unser Verschliss einfach unglaublich.

Das wird als meine nächste Stufe sein. Nach dem Reduzieren kommt die Qualität. Das gilt nicht nur für Elektronik und Kleider. Ebenso fürs Essen und alles andere. Als Kind in den 90ern aufgewachsen, bin ich mit der „Geiz ist geil“ Mentalität gross geworden. Davon habe ich sooo genug. Glücklicherweise kann man mitlerweile vielerorts eine Umkehr beobachten, hin zu mehr Qualität.

Hier in Asien ist es gerade das Gegenteil. In den Grossstädten einiger Länder Asiens kommts mir vor wie bei uns damals, in den 90ern. Hauptsache soviel wie möglich, so oft wie möglich. Geiz ist auch hier geil und der Konsum dermassen präsent, dass es einfach manchmal nur noch eklig ist. Wer noch das Bild vom dünnen Asiaten im Kopf hat, wird bitter enttäuscht werden. Hier sind die meisten genau so fett wie in Europa. Dasselbe gilt auch in Südamerika. Während in Europa langsam ein Umdenken zu weniger, dafür zu mehr Qualität stattfindet, dreht sich hier der Konsumrausch auf die Spitze.

Wenn ich das Leben so beobachten kann, bin ich froh, als Minimalistin zu leben. Lustigerweise verbringe ich gerade hier in Asien sehr viel Zeit in Shoppingmalls, auch weil ich gerade neben einer wohne. Aber auch, weil es einfach so schön kühl ist dort drinnen. Glücklicherweise fühle ich mich nicht mal ansatzweise in Versuchung dort einzukaufen. Ich habe das Verlangen nicht mehr, ich finde es eher abstossend.

Der Kern des Minimalismus ist schlussendlich, sich auf das Wichtige im Leben zu konzentrieren, Zeit als wertvolles Gut anzuerkennen, sich nicht an Materielles zu hängen und bewusster zu leben.

Ich empfehle jedenfalls allen, wieder mal so richtig auszumisten, ob mit oder ohne Reise. Du wirst sehen, es lohnt sich.

Wie siehst du den Trend des Minimalismus?

2 Kommentare

  • Hallo Sarah,
    das ist ein wundervoller Artikel und Du hast so recht. Normalerweise wird man mit diesem Konsumgen geboren. Mir ging es genauso. Du hast Glück, dass Du es nicht hast. Da wird hier gesammelt und dort gesammelt. Als wir dann alles wegen unserer geplanten Weltreise verkaufen, verschenken und wegschmeissen mussten, haben wir gemerkt, dass alles, wo anscheinend unser Herz dranhing, nichts wert war. Wir haben uns geschworen, nie wieder soviel Zeug anzuhäufen, obwohl wir eigentlich nie die grossen Konsumenten waren. Jetzt, da wir erst einmal eine Auszeit vom Reisen nehmen müssen, haben wir das Nötigste, mehr nicht. Im nächsten Jahr soll es dann noch einmal einen Anlauf zur Weltreise geben. Das Leben ist leichter ohne den ganzen Ballast und man hat Zeit und Raum, sich um das Wesentliche zu kümmern, nämlich unsere schöne Erde.

    • Sarah sagt:

      Genau so ist es, das Leben. Viel einfacher und leichter, je weniger man besitzt. Nach Ende meiner Weltreise bin ich bereits mit drei paar Jeans überfordert, obwohl das für den Durchschnitt wahrscheinlich nichts ist. Ich bin froh, ist das Sammlergen an mir vorbei, so fällt es mir leicht, auch jetzt nichts zu kaufen.

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