Kulturschock: Wenn es dich so richtig erwischt

Ich liebe alles mir Fremde. Ich liebe es, in unbekannte Welten einzutauchen, zu entdecken, zu staunen, zu lernen.

Was gibt es spannenderes, als in Marokko in den Souk einzutauchen, mich von all den glänzenden Angeboten locken zu lassen. Minztee zu schlürfen, während dem ich mir erklären lasse, wieso ich genau diese Kette unbedingt zum Leben brauche.

Oder mich durch die brasilianische Lebensfreude anstecken zu lassen, den Karneval zu feiern, als gäbe es kein morgen mehr. Oder mich über den asiatischen Gesichtsverlust zu wundern und nicht zu wissen, in welches Fettnäpfchen ich denn nun schon wieder getreten bin.

Es gibt so viele tolle Begebenheiten die ich liebe und von denen ich mit Freude lerne.

 

Was genau ist denn eigentlich ein Kulturschock?

Vom Kulturschock ist aber niemand gefeit. Irgendwie vergleiche ich den Kulturschock gerne mit der Höhenkrankheit. Völlig egal wie oft du reist, auch wenn du der Hardcore-Reisende bist, der sich mehr im Ausland als zu Hause aufhält, ist es nie ausgeschlossen, dass der Kulturschock auch dich befällt. Egal wie gut du dich vorbereitet hast, wie viele Bücher du gelesen hast oder mit wie vielen Leuten du vorher über dein Reiseland gesprochen hast, es kann dich trotzdem erwischen. Plötzlich hat er dich und dann ist nichts mehr wie zuvor.

Kulturschock ist mehr als nur ein Unwohlsein. Es ist, wenn du dich völlig fehl am Platz fühlst, wenn du gar nicht mehr weisst, was du hier eigentlich machst, warum du in diesem Land bist. Es ist, wenn du dich fragst, warum alle so anders sind als du. Es ist, wenn du das Fremde nicht mehr mit Neugier und Spannung anschaust, sondern mit Furcht und Unbehagen.

So richtig hart hat es mich erst einmal getroffen. Und das war, als ich in Nepal angekommen bin. Das war keineswegs meine erste längere Reise, ich kannte da schon viele Ecken dieser Welt und war auch schon mehrere Monate am Stück weg. Ich habe mich toll vorbereitet, Bücher gelesen, selbstverständlich auch über die kulturellen Begebenheiten und Unterschiede.

Kulturschock: was tun, wenn es dich erwischt?

Kulturschock? Ich doch nicht…

Dann bin ich in Kathmandu angekommen. Und habe erst einmal gewartet. Und gewartet. Und noch einmal gewartet. Denn von den zwei Personen die mich am Flughafen abholen wollten, ist niemand gekommen. Die Telefonnummer funktionierte nicht. Ich hatte eine Adresse vom Strassenkinderhilfswerk wo ich hin wollte, also suchte ich mir ein Taxi. Der Taxifahrer nimmt auch gleich noch einen Freund mit, einen zweiten Typen. Da sind dann auch schon die ersten komischen Gedanken von mir: „Warum kann der mich nicht alleine dorthin fahren, was haben die vor?”. Aber was soll ich tun?

Also fahren wir los, aus dem Flughafengelände. Es ist bereits am Eindunkeln, was die ganze Szenerie natürlich verstärkt: Die Strasse vom Flughafen in die Stadt ist gesäumt von flackernden Feuern, die die Obdachlosen am Strassenrand gezündet haben. Ganze Familien hausen in behelfsmässigen Zelten am Strassenrand im Dreck und wärmen sich am Feuer. Wir kommen kaum voran. Wenn es nicht das Verkehrschaos ist, dass unsere Fahrt behindert, dann sind es die Schlaglöcher in der Strasse. Zudem hat Nepal ein grosses Stromproblem und die Stadt ist ins Dunkel gehüllt.

wenn der Kulturschock zuschlägt....

Wenn er zuschlägt

Wir fahren also in der Dunkelheit vorbei an den Feuern am Strassenrand, nur die Scheinwerfer unseres Taxis erhellen die Nacht. Sobald wir etwas ausserhalb sind, fühle ich mich noch unsicherer. Das Hilfswerk liegt nicht in der Stadt, sondern etwas ausserhalb. Ich kenne weder den Weg, noch die Distanz. Es ist schwarze Nacht draussen.

Ich bemerke, dass der Taxifahrer keine Ahnung hat, wo die Adresse zu finden ist. Plötzlich stehen wir in einer Sackgasse und die beiden diskutieren heftig. Der Beifahrer fängt an zu telefonieren und gestikuliert wild. Ich verstehe kein Wort. Panik steigt in mir auf. Ich gebe ihm die Telefonnummer von dort wo ich hin will. Schlussendlich erreicht er das Hilfswerk sogar und der Taxifahrer wird per Telefon an die richtige Adresse dirigiert. Selten war ich so erleichtert als ich angekommen bin.

Ich werde herzlich willkommen geheissen, alle sind wahnsinnig nett und zuvorkommend. Ich starte meine Zeit im Strassenkinderhilfswerk mit Erfolg, alle unterstützen mich und helfen mir, mich einzugewöhnen. Natürlich lasse ich mir äusserlich nichts anmerken. Schliesslich bin ich gut vorbereitet und schon oft gereist.

Die Unsicherheit bleibt aber, egal wie sehr ich sie verdränge. Alle schauen mich so komisch an, alles ist anders und wenn ich Abends im Bett liege frage ich mich ganz still und leise, ob diese Reise nach Nepal wirklich eine gute Idee war. Ich vermisse meine Leute, meine Familie, das Essen, ja eigentlich alles. Ich weiss nicht so recht, was ich jetzt von diesen Gefühlen halten soll und bin völlig irritiert von mir selber. Zumal ich mich gewöhnlich auf alles Fremde stürze und es nur so in mich aufsauge. Was ist denn los mit mir? Was soll das alles?

Langsam, ganz langsam dämmert es mir. Ich habe einen Kulturschock! Und zwar so richtig. Das wird mir plötzlich mit völliger Gewissheit bewusst.

Sobald ich diese Tatsache akzeptiert habe, beginnt es zu bessern. Nach ein paar Tagen in denen ich völlig verschoben war und neben mir stand, beginnt sich mein Zustand zu bessern.

Das Bewusstwerden des Kulturschockes hat mir unglaublich geholfen, ich konnte damit beginnen, das Fremde mit anderen Augen zu sehen, nicht mit ängstlichen, sondern mit neugierigen.

Plötzlich ging es dann ganz zackig und ich war wieder die alte Sarah, ich fand Nepal spannend und interessant, wollte alles wissen und alle kennenlernen. Ich war wieder ich selbst.

Kulturschok in Nepal

 

Was tun bei Kulturschock

Was habe ich also daraus gelernt?

  • Kulturschock kann alle treffen. Egal wie oft und wohin du schon gereist bist.
  • Es bringt nichts, dir den Kulturschock auszureden. Akzeptiere ihn.
  • Ein Kulturschock ist nichts schlechtes, er ist eben einfach wie er ist und eine Erfahrung wie alles andere auch.
  • Lerne. Nimm die Gefühle wahr die sich breit machen. Sobald du diese Gefühle akzeptiert hast, kehre sie ins Gegenteil um.

So hart mich der Kulturschock zu Beginn meiner Zeit in Nepal getroffen hat, so hart war auch die Rückkehr in die Schweiz. Ich konnte mich einige Wochen kaum eingewöhnen, alles fand ich eigenartig und spiessig. Ich empfand alles als kleinlich und langweilig. Ich wusste nicht viel mit den Menschen in der Schweiz anzufangen und wusste irgendwie auch nicht mehr recht, wo ich hingehörte.

Nepal war für mich sehr intensiv, von Anfang bis Ende. Dadurch, dass ich in einem Hilfswerk gearbeitet habe und eigentlich nur mit Nepalesen und nicht mit anderen Touristen unterwegs war, habe ich einen sehr tiefen Einblick in die Kultur erhalten und mich schlussendlich mit allen Sinnen darauf eingelassen.

Ich glaube, je intensiver ein Land ist, je schwieriger ist auch die Rückkehr in die Heimat.

Natürlich habe auch ich mich wieder eingelebt und meinen Platz gefunden, aber es war schwer. Dem Kulturschock gibt es also auch in umgekehrter Richtung, bei der Heimkehr.

Egal wann, wie und in welcher Umgebung du einen Kulturschock erleidest: Akzeptiere ihn. Löse dich von ihm. Lerne von ihm.

 

Hast du auch schon Erfahrungen mit dem Kulturschock gemacht? Wie bist du damit umgegangen? Hast du vielleicht sogar einen besonderen Tipp?

 

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