Jerusalem. Zu Besuch in der Heiligen Stadt.

Wie kann ein Ort, in dem drei der fünf Weltreligionen zusammenkommen, überhaupt existieren? Wie leben die Menschen dort? Beobachtungen von meinem Besuch der Heiligen Stadt.

Ich habe bereits einige religiöse Stätten und Orte besucht. Orte, die für einige Menschen die Welt bedeuten. Als in keiner Weise religiöse Person schaue ich mir diese immer mit grossem Interesse, aber auch mit einer Portion Skepsis an. Bei Jerusalem ist das nicht anders.

Einblick in die Heilige Stadt.

Einblick in die Heilige Stadt.

Ich besuche also einen Ort, der für drei der fünf Weltreligionen enorm wichtig ist. Wer Jerusalem betritt, läuft auf heiligem Boden. Für Moslems ist Jerusalem – gleich nach Mekka und Medina – die drittheiligste Stadt. Der Prophet Mohammed hat hier seine Himmelsreise angetreten. Für Juden ist insbesondere die Klagemauer als wichtigste Gebetsstätte von grosser Bedeutung, ebenso wie der Tempelberg, auf dem viele jüdische Tempel standen. Für Christen ist Jerusalem von so grosser Bedeutung, da die Stadt mit der Kreuzigung und der Auferstehung Jesus in Verbindung gebracht wird. Gründe für Streit sind also genug da.

Und dies ist nur der religiöse Aspekt. Politische Streitpunkte wie der Konflikt zwischen Israelis und Palästinensern und dem Ringen um Jerusalem als Hauptstadt kommen noch dazu. Es gäbe wohl ein ganzes Buch zu füllen, einzig mit Gründen für den Konflikt um Jerusalem.

Die Stadt wartet auf ihre Pilger.

Die Stadt wartet auf ihre Pilger.

Eine Stadt mit solcher Brisanz zu besuchen, verursacht ein flaues Gefühl in meinen Magen. Nicht aus Angst, eher aus Respekt. Ich besuche eine Stadt, die so viel Geschichte auf dem Buckel hat, die so wertvoll, so umstritten ist? Bin ich überhaupt bereit dafür? Muss ich mich nicht zuerst noch viel tiefer in die Geschichte einlesen? Ich weiss gerne über Land, Leute und Geschichte Bescheid, wenn ich einen Ort besuche. Ich will nicht einfach nur Sehenswürdigkeiten abklappern und To-Do´s abhaken. Ich will die Menschen verstehen und hinter die Fassade schauen können. Zugegeben, bei einer kurzen Reise von vier Tagen, bei der schon ein Tag für An- und Abreise drauf geht, kann ich nicht von „hinter die Fassade schauen“ sprechen. Das wäre übertrieben. Dennoch setze ich gewisse Ansprüche an mich, in dem ich mich vorbereite und einlese – ganz besonders bei einer Destination wie Israel.

Doch einlesen zum Thema Israel? Da hätte ich ein halbes Jahr vorher beginnen sollen, mindestens. Geschichte und Politik sind hier dermassen komplex, dass es fast unmöglich ist, einen kurzen Abriss zu erstellen. Ich lese mich also ein bisschen ein, kratze aber höchstens an der Oberfläche.

Kirchenbesuch mit Muezzinrufen

Kurz bevor wir in die Heilige Stadt reinfahren, halten wir an einem Aussichtspunkt mit Blick auf die Wüste und das Tote Meer. Hier schaue ich über das Israel, wie ich es mir vorgestellt habe. Trocken, braun, am Horizont das Tote Meer.

Blick über die Wüste Israels mit dem Toten Meer.

Blick über die Wüste Israels mit dem Toten Meer.

Einen ersten Blick über Jerusalem erhalte ich, als wir auf dem Ölberg (auch Olivenberg) einen Stopp einlegen. Diese Erhebung befindet sich gegenüber des Tempelberges und der Jerusalemer Altstadt. So blicke ich also das erste Mal auf die Heilige Stadt. So ein bisschen ehrfürchtig bin ich schon, obwohl sie mir ja im religiösen Sinne nichts sagt. Dennoch, an genau diesem Ort wurde so viel Geschichte geschrieben, so viel Blut vergossen und gleichzeitig liegt ebenso viel Hoffnung in der Luft. Zwischen dem Ölberg und dem Tempelberg wurde ein grosser jüdischer Friedhof angelegt. Muslime und Juden teilen den Glauben, dass das endzeitliche Gericht in diesem Tal, dem Kidrontal, abgehalten wird. Für die Christen haben wichtige Punkte im Leben Jesu zwischen Ölberg und Tempelberg stattgefunden.

Der erste Blick auf die Heilige Stadt Jerusalem.

Der erste Blick auf die Heilige Stadt Jerusalem.

Was es bedeutet an einem Ort zu sein, in dem die Weltreligionen zusammenkommen, merke ich, also ich aus der Kirche der Nationen trete. Eben bin ich in dessen Garten gelaufen und habe dort acht Olivenbäume bestaunt. Diese gelten als direkte Nachkömmlinge der Bäume, die zur Zeit von Jesus hier gestanden haben. Ich komme also heraus, mein Blick schweift über den Felsendom und gleichzeitig höre ich den Muezzin rufen. Dass in diesem Augenblick nicht auch noch ein orthodoxer Jude an mir vorbeiläuft, grenzt an ein Wunder. So ein Durch-/Miteinander der Religionen ist sonst wohl nirgends auf der Welt zu finden und versetzt mich an diesem Tag immer wieder ins Staunen.

Kirche mit Kreuz.

Für drei der fünf Weltreligionen ist Jerusalem eine heilige Stadt.

Der Geburtsort von Maria.

Der Geburtsort von Maria.

Durcheinander der Kulturen

Durch die Altstadt von Jerusalem ziehen sich offiziell vier Viertel. Ein jüdisches, ein muslimisches, ein christliches und ein armenisches. Diese Viertel sind jedoch auch wieder in einzelne Nachbarschaften unterteilt. Es ist klar geregelt, wer wo wohnt. Im Alltag begegnen sich die Bewohner meistens auf den Märkten, die oft auch als eine Art Trennung der Viertel fungieren. Diese sind spannend zu besuchen, gerade wenn man sich plötzlich auf einem orientalischen Basar wähnt und ein paar Minuten später von orthodoxen Juden umgeben ist. Es ist wie ein Hoppen von Kultur zu Kultur.

Einzelne Stationen laufe ich dem Via Doloroso entlang, dem Leidensweg Christi. An 14 Stationen wird sein Weg aufgezeigt, bis hin zu seinem Grab. Unterwegs besuche ich immer wieder Kirchen, Tempel, finde den Geburtsort von Maria oder, oder, oder. Nach einer gewissen Zeit weiss ich gar nicht mehr so richtig, wo ich überall war. Mein Kopf ist voll und ich kann all die Daten und Begebenheiten kaum mehr speichern.

Strassenschild "Via Dolorosa".

Via Dolorosa.

Sehr eindrücklich ist der Besuch der Grabeskirche. Gemäss den Überlieferungen steht die Kirche am Ort der Kreuzigung und des Grabes von Jesus. In der Kirche ist ein geschäftiges Hin und Her, Touristen und Pilger drängen sich gleichermassen durch den heiligen Ort. In dieser Kirche sind viele christliche Heiligtümer zu finden, aber am eindrücklichsten ist es mit anzusehen, wie Gläubige ihre Stirn auf den Salbungsstein von Jesus legen und in Tränen ausbrechen. Christliche Ekstase sozusagen.

Der Salbungsstein von Jesus.

Der Salbungsstein von Jesus.

Besuch in der Grabeskirche in Jerusalem.

Besuch in der Grabeskirche in Jerusalem.

Die Klagemauer am Sabbat

An der Ecke Via Dolorosa und El-Wad-Strasse statte ich dem österreichischen Hospiz einen Besuch ab. Von der Dachterrasse habe ich einen wunderbaren Blick über die Altstadt. Sehr eindrücklich und etwas, was ich allen Jerusalem Reisenden empfehlen würde.

Aussicht von der Dachterrasse des österreichischen Hospiz.

Aussicht von der Dachterrasse des österreichischen Hospiz.

Der Blick über die Altstadt von Jerusalem.

Der Blick über die Altstadt von Jerusalem.

Ein ganz besonderes Erlebnis in Jerusalem ist der Besuch der Klagemauer. Bevor ich überhaupt auf den Platz vor der Mauer darf, muss ich einen Sicherheitscheck passieren, bei dem auch mein Rucksack gescannt wird. In Jerusalem sind das Militär und sonstige Sicherheitsleute omnipräsent und überraschenderweise habe ich mich schnell daran gewöhnt. Daher erstaunen mich die Sicherheitsvorkehrung vor der Klagemauer nicht.

Ich besuche das jüdische Heiligtum kurz vor Sonnenuntergang am Sabbat. Bist du auch freitags in Jerusalem? Dann lege ich dir das sehr ans Herz, denn zu dieser Zeit besuchen viele Gläubige die Klagemauer zum Beten. Alle sind herausgeputzt, schön gemacht für die Sabbatfeier und besuchen mit Familie und Freunden die Klagemauer. Gebetet wird leise in sich gekehrt oder auch in voller Lautstärke, viele Gruppen tanzen und singen. Gläubige wie Touristen gleichermassen stecken Zettelchen mit ihren Wünschen in die Schlitze der Klagemauer. Sie glauben, dass Gott sie an diesem Platz auf ganz besondere Weise erhört. Es ist eine ausgelassene und sehr eindrückliche Stimmung. Das Zusammengehörigkeitsgefühl und die Hingabe sind hier ganz besonders gut zu beobachten. Ich bleibe und schaue dem Spektakel bis zur Dunkelheit zu.

Die Klagemauer zu Beginn des Sabbat.

Die Klagemauer zu Beginn des Sabbat.

Die Bereiche an der Klagemauer sind für Männer und Frauen abgeteilt.

Die Bereiche an der Klagemauer sind für Männer und Frauen abgeteilt.

Die Klagemauer in Jerusalem bei Nacht.

Die Klagemauer in Jerusalem abends.

Vom ganz normalen Leben in Jerusalem

All diese heiligen Stätten, Denkmäler, Tempel und Kirchen sind wahnsinnig eindrücklich. Überall sind Pilger die zum Gebet unterwegs sind und sich mit einem Besuch Jerusalems einen Lebenstraum erfüllen. Die meisten heiligen Stätten finden sich in der Altstadt. Aber gibt es denn eigentlich auch ganz normale Leute in Jerusalem? Leute, die hier wohnen, hier ihre Kinder gross ziehen? Die Leichtigkeit von Tel Aviv ist in Jerusalem weit entfernt. Genau so faszinierend wie all die heiligen Stätten sind, ist es doch auch eine schwere Last, welche die Stadt und ihre Bewohner zu tragen haben.

Ein klein wenig Normalität abseits von Religion und Fanatismus finde ich schlussendlich auf dem Mahane Yehuda Markt. Auf dem grössten Markt von Jerusalem gibt’s farbenfrohe Gemüse- und Obststände, Baklava und allerlei Süssigkeiten in der Auslage und natürlich auch viele Dinge zum täglichen Gebrauch. Auf dem Markt gibt es auch Coffeeshops und Bars und im Sommer finden kulturelle Veranstaltungen statt.

Angebot auf dem Mahane Yehuda Markt.

Angebot auf dem Mahane Yehuda Markt.

So viele süsse Leckereien!

So viele süsse Leckereien!

Es ist schön über den Markt zu schlendern und eine Art Alltag vorzufinden. Leute kaufen und verkaufen, handeln, treffen sich um Kaffee zu trinken und sich auszutauschen. Der Markt hat nicht nur ein grosses Angebot an Waren, sondern bietet auch verschiedene Touren an. Von Käse-, Koch- oder Graffiti-Touren bis hin zu Bäckereibesuchen oder Weinverköstigungen gibt es vieles zu erleben. Ich habe an einem Kochkurs mit Ruth teilgenommen, wo wir zusammen auf dem Markt eingekauft, danach gekocht und natürlich auch gegessen haben. Ein sehr schönes Erlebnis!

Dieser Marktbesuch lockert die Schwere Jerusalems etwas auf und bietet nebst aller Religion und Heiligkeit einen Einblick in den Alltag und das „andere“ Bild der Stadt.

Der Mahane Yehuda Markt in Jerusalem.

Der Mahane Yehuda Markt in Jerusalem.

Schöne Auslage!

Schöne Auslage!

Wo soll ich als erstes zugreifen?

Wo soll ich als erstes zugreifen?

Hier könnte ich jetzt noch eine Liste aufführen mit allen Dingen, die ich in Jerusalem nicht gesehen habe. Ein Tag ist nämlich etwas kurz, um dieser Stadt gerecht zu werden. Je nachdem wie gross das Interesse an heiligen oder antiken Stätten ist, kann man in Jerusalem locker zwei bis drei Tage verbringen, ohne das es langweilig wird. Sogar einige der grossen Highlights der Stadt habe ich verpasst, ganz einfach, weil es zu viel ist und nicht alles Platz hat. Dennoch bin ich froh, dass ich auch den Markt ausserhalb der Altstadt erlebt habe und einen Blick auf zwei ganz unterschiedliche Gesichter Jerusalems erhalten habe.

Jerusalem, Israel.

Jerusalem, Israel.

Jerusalem: Was hast du für Erfahrung gemacht?

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Ich durfte Jerusalem im Rahmen einer Pressereise mit Kuoni kennenlernen. Vielen Dank für die Einladung. Meine Meinung bleibt davon unberührt.

4 Kommentare

  • Sara sagt:

    Vielen Dank für den interessanten und faszinierenden Einblick, den du mir über Jerusalem gegeben hast! Ich konnte gedanklich ein wenig mitreisen!

    Liebe Grüss Sara

  • Step sagt:

    Auch da bin ich wieder ganz mit dir einer Meinung, Jerusalem ist faszinierend, da wirklich an jeder Ecke irgendwas Historisches passiert ist, aber für nicht religiöse Menschen auch irgendwie beklemmend. Dass du es sogar auf das Dach des österreichischen Pilgerhospizes geschafft hast, ist toll, das ist wohl einer der besten Ausblicke auf die Dächer Jerusalems. Hätt ich dir sonst glatt als Geheimtipp mitgegeben 😉 Was man sich finde ich unbedingt ansehen sollte, ist die Holocaustgedenkstätte Yad Vashem, da wird es dann gleich noch ein wenig beklemmender…..schönen Gruß aus Sao Tomé

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