Nachhaltigkeit

Das schlechte Gewissen fliegt mit – immer noch

Das schlechte Gewissen fliegt mit - immer noch

Anfangs des Jahres habe ich meine Gedanken zum Thema Fliegen und Nachhaltigkeit in einem Artikel auf meinem Blog thematisiert. In Folge dieses Artikels ist einiges passiert – und meine Frustration gewachsen.

Zum ersten Teil dieses Artikels gehts übrigens hier lang…

„Klimajugend“, „Fridays for Future“, „Flugscham“…. Gefühlt ist die Klimakrise seit Monaten das alles beherrschende Thema. Egal welche Medien ich konsumiere, es geht immer wieder um dasselbe Thema. Verdreckte Ozeane, zu heisse Sommer, Plastikmüll, Elektroschrott, der Meeresspiegel, der steigt, fehlendes Trinkwasser…. 

Immer wieder schlagen sich selbsternannte Experten dazu die Köpfe ein, hauen sich Statistiken um die Ohren und gehen schlussendlich mit verhärteten Fronten auseinander. Die Politik redet sich um Kopf und Kragen, die Verantwortung der Industrie wird geflissentlich übergangen. Greta wird in einer erschreckenden Regelmässigkeit runtergemacht und bedroht. 

Gleichzeitig haben viele Menschen angefangen umzudenken und ihre Lebensweise verändert und angepasst. Sie hat uns alle erreicht, die sogenannte Greta-Welle. Jetzt soll mir bitte nie mehr jemand sagen, dass eine Einzelne nichts bewirken kann! Die Bewegung, die durch ein junges Mädchen aus Schweden entstanden ist, hat ganz Europa ergriffen.

Aber: Irgendwann habe ich festgestellt, dass das wohl nur in meiner gemütlichen Filterblase so ist. Während die einen den Verzicht auf Plastik zur eigenen Challenge machen, fliegt der Rest der Welt frisch fröhlich um den Globus. Noch nie sind so viele Menschen geflogen wie in diesem Jahr. Noch nie wurde in Deutschland so viel Abfall produziert. Und wenn ich mir die Verschmutzung durch die Wirtschaft anschaue, wird mir richtig schlecht. Wann werden denn all die Bemühungen von uns Einzelnen sichtbar?

Hier können jetzt alle einhacken, denen ein „Ich habs dir doch gesagt“ einfach über die Lippen kommt. „Warum etwas ändern, nützt doch eh nichts.“ „Zuerst muss die Politik reagieren.“ „Sollen doch die Inder und Chinesen mal was ändern.“ Das sind alles gängige Meinungen und anscheinend leben die meisten immer noch nach dieser Überzeugung. 

Mich frustriert das ungemein. Es scheint, als gäbe es keine Lösung. 

Die Verantwortung als Reisebloggerin

Jahrelang bin ich kreuz und quer durch die Welt gereist. Ich bin zwar immer sehr nachhaltig unterwegs gewesen, konnte nichts mit Partytourismus anfangen und hatte schon bald die Auswirkungen von einer Reise an Ziele wie Bali realisiert. Aber um meinen ökologischen Fussabdruck habe ich mich nie gekümmert. Niemand hat das gemacht, es war einfach kein Thema. Vielfliegen war cool und wer es sich irgendwie leisten konnte, hat da mitgemacht. So auch ich. Die Lust, die ganze Welt kennenzulernen, hat sich bei mir in einer unzählbaren Anzahl von Flügen niedergeschlagen.

Das schlechte Gewissen fliegt mit - immer noch

Immer unterwegs – früher am liebsten mit dem Flugzeug.

Dieses Jahr habe ich nur einen Flug gebucht. Aber ich bin auch nicht wahnsinnig viel gereist, da hat meine familiäre Situation nicht gepasst. Für nächstes Jahr sind wieder viele Reisen geplant – aber anders. Ziele, für die ich früher das Flugzeug gewählt hätte, für die buche ich jetzt den Zug. Aber ganz ehrlich: auch ich werde weiterhin Fliegen. Auch ich will wieder ans andere Ende der Welt. Ganz ohne Fliegen ist für mich nicht drin.

Ich schreibe seit Jahren über das Reisen. Dementsprechend trage ich auch eine nicht zu unterschätzende Verantwortung. Meine Artikel werden zu tausenden gelesen und nachbereist. Sie inspirieren andere Menschen zu reisen – und genau dafür sind sie auch gedacht. Klar bin ich im Einzelnen ein Niemand, ich will mich hier nicht überschätzen und meinen Impact hochstilisieren. Dennoch bekomme ich öfters Nachrichten von Menschen die mir schreiben, dass „sie bei mir auf dem Blog den letzten nötigten Kick bekommen haben, ihre Reiseträume in die Tat umzusetzen“. Also scheinen meine Artikel doch manchmal was zu bewirken. Und hey, ich finde das toll. Andere inspirieren ihre Reiseträume in die Tat umzusetzen? Das ist doch wunderbar!

Aber: Mit Reichweite kommt auch Verantwortung. Klar, meine Reichweite ist verglichen zu anderen Blogs gering, das spielt aber schlussendlich keine Rolle. Da dies ein privater Blog ist und ich oft auch sehr persönlich schreibe und nicht nur über Sehenswürdigkeit xy, wissen meine Leser wer ich bin und dass sie meiner Meinung vertrauen können. Und das stellt sich mir die Frage: Was lebe ich hier eigentlich vor? Wie will ich sein? Wie will ich reisen? In welchem Umfang bin ich für die Entwicklung im Tourismus mitverantwortlich (natürlich im angepassten, kleinen Rahmen – keine Angst, ich überschätze meinen Einfluss nicht…)?

Das sind alles Fragen, die sich mir stellen. Ich halte es wie bisher: Ich mache es so, wie es für mich richtig ist. Ich „mache also auch nirgendwo mit“ oder folge einem Trend. Ich reise, lebe und arbeite so, wie es für mich und meine Familie passt. 

Als BloggerIn lebt es sich aber unter Umständen nicht einfach, wenn man über alternative Reisearten schreibt. Bereits haben einige BloggerInnen/InfluencerInnen aufgegeben und sich davon distanziert, über nachhaltiges Reisen zu berichten. Zu gross war der Hass, der ihnen entgegengeschlagen ist. Das steht vielleicht auch im Zusammenhang mit der Radikalität, mit der sie die Sache angegangen sind. Vielen Leuten scheint das direkt an die Substanz zu gehen und fühlen sich ertappt oder schuldig (wobei das natürlich nicht annähernd ein Grund ist, ausfällig zu werden).

Aber wer sich einmal mit nachhaltigem Reisen auseinandersetzt merkt, dass dies ein Fass ohne Boden ist. Angefangen beim Fliegen, führt dies zum Sinn oder Unsinn von Kompensationszahlungen. Dies führt zur Wahl des Reisezieles. Dies führt zu Problemen in diesem Land. Wasserknappheit durch den Tourismus (Bali! Costa Rica! etc.) oder Postkriegsländer die plötzlich „In“ sind und die unendliche Problematik, die damit verbunden ist (z.B. Sri Lanka). Militärdiktaturen, Sextourismus, Kinderarbeit, es hört einfach nicht auf. Es scheint, als sei das Reisen eigentlich etwas sehr schlechtes und bringe nur Missstände. Nicht selten fällt in diesem Zusammenhang das Wort Neokolonialisierung. Soviel dazu, wenn das Thema Reisen unter dem Filter der Problematik beleuchtet wird.

Also wie weiter?

Zum ersten Teil dieses Beitrages wurde auch kommentiert, dass ich gar nicht davon schreibe, einfach mal nicht zu Reisen. Wir sollen genügsamer sein und uns nicht so wichtig nehmen. Und hey, ich bin ganz dieser Meinung. Ich habe auch schon bewusst auf eine Reise verzichtet und das Geld, dass ich dabei eingespart habe, an ein Hilfswerk gespendet. Genügsamkeit, etwas, dass uns wohl allen hin und wieder gut tun würde.

Aber: Erstens ist das hier ein Reiseblog. Also schreibe ich – Überraschung! – übers Reisen. Und zweitens: Ich habe bereits vieles von der Welt gesehen, vieles erlebt und viele Träume verwirklicht. Wer bin ich denn, dass ich mit diesem Hintergrund dasselbe den Anderen versagen will? Ich finde es bedenklich, wenn ich selbst einen Grossteil meiner Reiseträume gelebt habe und von einer jüngeren Generation verlange, genau das nicht zu tun. Wäre ich jetzt 20 Jahre alt, hätte ich diese Lust die Welt zu bereisen ja immer noch.

Ich plädiere dafür, länger statt kürzer zu Reisen. Ich bin voll und ganz Individualreisende und kann nichts mit Hotelbunkern anfangen. Mit meinen Reisezielen beschäftige ich mit eingehend, lerne manchmal sogar die Sprache. Ich bin oft via Couchsurfing gereist und schaue auf Nachhaltigkeit meiner Unterkünfte. Aber kann ich das von allen anderen erwarten? Nein. Die Lebensumstände sind hier einfach zu vielseitig. Nicht alle haben den Luxus mehrere Monate zu Reisen. Sind zum Beispiel die Kinder schulpflichtig, der Arbeitgeber unflexibel oder ist das Geld zu knapp, liegt manchmal einfach nicht mehr als eine oder zwei Wochen am Stück drin. Und dennoch will man den Kindern die Welt zeigen oder selbst mehr davon sehen. Und hier liegt der Hund begraben.

Das schlechte Gewissen fliegt mit - immer noch

Wie werden wir unseren Kindern zukünftig die Welt zeigen?

Es sind nicht alle so wie ich. Es stellen nicht alle das Reisen auf die oberste Stufe im Leben. Dennoch wollen viele etwas von der Welt sehen. Und Klimakrise hin oder her – wir hören nicht einfach auf zu Reisen. Es scheint das Gegenteil zu sein. Geht es dann nicht darum, gemeinsam Lösungen zu suchen? Wie können wir ökologischer Reisen? Wo können wir uns über die Situation im Reiseland informieren? Was können wir dort sinnvolles leisten? Was ist die Alternative zum Strandleben? 

Wer wirft den ersten Stein?

Am meisten Mühe macht mir zur Zeit das Fingerzeigen. Ganz egal wo. Aber das ist wohl einfach typisch für unsere Breitengraden. Anstatt einander zu unterstützen, anstatt miteinander zu gehen, herrscht das Gegeneinander vor. ReisebloggerInnen wird oft vorgeworfen heuchlerisch zu sein. Um die Welt jetten und dann über nachhaltiges Reisen zu schreiben. Aber dürfen nicht alle ihren Weg gehen und eine Entwicklung durchmachen? Das ist ja auch bei allen Nicht-BloggerInnen so. Leider werden BloggerInnen, die auf Nachhaltigkeit achten, dann für jeden Cappuccino im Plastikbecher kritisiert. Klar passt das nicht zusammen, aber hey, wer ist denn perfekt? Recht machen kann man es eh niemandem. Gestern war der Plastikbecher böse, heute ist es der Bambusbecher. Aber können wir nicht einfach alle versuchen unser Bestes zu geben und einander zu unterstützen?

In diesem Artikel verzichte ich bewusst auf Statistiken und dem Verlinken von anderen Berichten zum Thema. Es ist fast wie wenn übers Impfen geredet wird – zu jeder Studie gibts eine Gegenstudie, viele sind in ihrer Meinung festgefahren und von einem Konsens scheinen wir weit entfernt zu sein. Und ja, ich rede hier nur vom Reisen. Themen wie Ökostrom, Atomkraft oder Mobilität und so viele weitere gehören natürlich auch dringend diskutiert (auch wenn sie nicht so instagramable sind wie das schön drapierte, vegane Bio-Müsli).

Tja, was ist jetzt der Rote Faden hier? Oder was will ich eigentlich sagen?

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Lass mich überlegen…..

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Ich weiss es auch nicht so recht. Das ist wohl einfach ein Einblick in das Chaos meiner Gedanken zum Thema nachhaltig Reisen und Fliegen. Ich gebe hier keine Ratschläge und ich verurteile niemanden. Aber das Thema ist hochaktuell und sehr präsent in meinem Leben. Noch mehr Details und Persönliches zu diesem Thema findest du übrigens im ersten Teil dieses Artikels. 

Ich versuche täglich immer wieder mein Bestes zu geben. In den Entscheidungen die ich treffe, in den Reisezielen die ich wähle, in den Flügen die ich buche. Oder eben nicht buche.

Beschäftigt dich das Thema auch? Wie hälst du es damit?

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Über die Autorin

Hauptsache unterwegs - egal ob alleine, als Paar oder mit der ganzen Familie. Von der Langzeitreise als Backpackerin bis hin zur Familienreise vor der Haustüre geht alles. Einen besonderen Fokus setze ich auf das Thema Nachhaltigkeit. Komm mit und entdecke mit mir die Welt. Es gibt noch so viele Abenteuer zu erleben!

9 Kommentare

  • Das schlechte Gewissen fliegt mit | Rapunzel will raus
    18. Dezember 2019 um 20:43

    […] Das schlechte Gewissen fliegt mit – immer noch (Fortsetzung dieses Artikels) […]

    Antworten
  • Step
    19. Dezember 2019 um 7:42

    Bravo, Sarah, wieder ein toller Artikel von dir, der so ziemlich Alles aussagt und den Nagel auf den Kopf trifft. Ohne sich über andere moralisch zu überhöhen, wie das zur Zeit unter Bloggern in der Tat sehr angesagt zu sein scheint. Leben und leben lassen….nicht Alles in Schwarz und Weiß aufteilen. Wie immer sprichst du mir aus der Seele und ich fühle mich bestätigt, warum dein Blog mir immer der liebste war und wohl immer mein Favorit bleiben wird.

    Antworten
    • Sarah Althaus
      21. Dezember 2019 um 13:44

      Danke für die Blumen! Ja, das in Schwarz und Weiss aufteilen, in Gut und Böse, das finde ich momentan auch sehr schwierig. Vor allem, da es in genau diesen Themen eben nicht nur das Eine oder Andere gibt, sondern sich das alles etwas vielschichtiger präsentiert.

      Antworten
  • Titus von Unhold
    19. Dezember 2019 um 12:01

    Der Einzelne kann natürlich nichts bewirken. Wir sind an einem Punkt angelangt an dem die einzelne Konsumentscheidung kaum mehr einen Beitrag leistet. Und wie schon Adorno wusste, gibt es kein richtiges Leben im Falschen. Also müssen Wähler und Politik sich endlich eingestehen das gesamte System umgekrempelt werden. Es ist dabei auch egal ob einzelne hier und da auf etwas verzichten, solange der CO2-Umsatz ein vielfaches dessen beträgt, was für die Atmosphäre verträglich ist. Und dabei ist es dann auch egal ob es sechs oder neun Tonnen pro Kopf un Jahr sind und ob man Chinese oder Europäer ist. Nachhaltigkeit ist in einem System des Wachstums und der fossilen Energie schlussendlich gar nicht möglich, sondern nur Greenwashing oder Ablasshandel. Das muss man dem Einzelnen auch nicht vorhalten, sondern die fehlende Einsicht und den Egoismus den sehr viele an den Tag legen.

    Antworten
    • Sarah Althaus
      21. Dezember 2019 um 13:28

      Hm, ich weiss nicht so recht. Ich bin durchaus der Meinung, dass der Einzelne etwas bewirken kann. Siehe Greta. Die Konsumentscheidungen des Einzelnen wirken sich auf die Masse aus, denn schlussendlich bestimmt die Nachfrage das Angebot. Aber ja, natürlich muss im Grösseren etwas ändern, wie z.B. in der Politik oder meiner Meinung nach vor allem in der Wirtschaft. Aber da ich die Wirtschaft nicht einfach jetzt ändern kann, fange ich eben bei mir an.

      Antworten
  • Esther
    19. Dezember 2019 um 15:30

    Super Sarah, dass du uns Einblick in deine Gedanken gibst!
    Auch mich beschäftigt das Thema sehr und ich werde auch oft damit konfrontiert. Ich bin gerade dabei, meinen Jahresrückblick zu schreiben und da greife ich dieses Thema auch nochmals auf und wie ich damit umgehe. Ich denke, heutzutage muss man es sich definitiv zweimal überlegen, bevor man den Flug wirklich bucht. Gerade, wenn man Kinder hat.

    Rutsch gut ins neue Jahr und weiterhin happy travels!
    Esther

    Antworten
    • Sarah Althaus
      21. Dezember 2019 um 13:26

      Es gibt in der Tat vieles, was man sich zweimal überlegen sollte. Was kaufe ich für Kleidung? Was esse ich? Muss es Avocado und Fleisch sein? Was lebe ich meinem Kindern vor? Und natürlich auch, ob es dieser Flug wirklich sein muss. Aber eben, die Lust, die Welt zu entdecken hält an und verschwindet ja nicht einfach so. Wie also weiter? Ich bin gespannt, ob sich das Reiseverhalten in Zukunft ändern wird oder nicht.

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  • Inka
    21. Dezember 2019 um 15:51

    Liebe Sarah,
    ein ganz wunderbarer Artikel ist das! Du hast viele Punkte getroffen, über die wir uns alle als Reiseblogger:innen viele Gedanken machen, und du hast sie super treffend beschrieben. Und ja, ich stelle auch fest, dass das leider nur in der schönen Blase der Fall ist. So viele Arbeitskollegen von mir oder Bekannte machen sich da leider überhaupt keine Birne zu und fliegen zb sehr viel mehr als ich. Das ist irre frustrierend, weshalb ich jetzt ebenfalls beschlossen habe, nicht auf alle Flüge ever zu verzichten, sondern eben doch auch sehr ausgewählt zu fliegen.
    Bei der Verantwortung stimme ich Dir total zu, die wir insbesondere haben.
    So, hab jetzt auch meinen roten Faden verloren, ich danke Dir jedenfalls für diesen Artikel!
    Lg /inka

    Antworten
    • Sarah Althaus
      23. Dezember 2019 um 21:50

      Gerne, liebe Inka. Bei dem Thema kann man schon mal den roten Faden verlieren, so vielschichtig wie es ist… Aber ich kann die Frustration gut verstehen.

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