Arbeiten im Strassenkinderhilfswerk – ein ganz normaler Tag aus meiner Volontariatszeit

Vor ein einiger Zeit habe ich in Nepal als Volontärin in einen Strassenkinderhilfswerk gearbeitet. Ich werde ab und zu gefragt, was ich denn dort eigentlich gemacht habe und was ich für Erfahrungen gesammelt habe. Wenn ich jetzt einfach drauflosschreiben würde, würdest du wahrscheinlich morgen immer noch am lesen sein, da ich so vieles zu erzählen habe. Ich habe in Nepal eine unglaublich wertvolle und tolle Zeit erlebt.

Nepal ist ein Land in dem heute unter Umständen alles anders ist als gestern. Oder es gibt vielleicht einfach mal wieder kein Benzin mehr. Oder keine Batterien. Oder kein Waschmittel. Oder kein was weiss ich. Und dann der Strom…Und dann sind ja da noch die rund 200 Kinder im Heim. Aber erst mal der Reihe nach…

Obwohl jeder Tag absolut anders war und eigentlich immer etwas unvorhergesehenes passiert ist, versuche ich hier, einen durchschnittlichen Tag als Volontärin zusammenzustellen. Damit du dir in etwa vorstellen kannst, was ich eigentlich drei Monate lang gemacht habe.

 

Das Hilfswerk

Das NAG (Nawa Asha Griha, deutsch: Heim neuer Hoffnungen) ist ein Strassenkinderhilfswerk in Kathmandu in Nepal und beherbergt rund 200 Kinder. Um die 150 Kinder aus den Slums von Kathmandu besuchen zusätzlich die im NAG ansässige Tagesschule. Alle diese Kinder werden zu Mittag dort verpflegt. Im NAG werden auch Freizeitaktivitäten angeboten. Es gibt viele Sportangebote wie Basketball oder Fussball, aber auch Handarbeits- und Kochkurse.

Das Hilfswerk wurde 1992 von der Schweizerin Nicole Wick-Thakuri gegründet und ist seitdem stetig gewachsen. Mehr Informationen über das Hilfswerk findest du auf ihrer Homepage.

NAG - Das Strassenkinderhilfswerk in Nepal

Ein ganz normaler Tag als Volontärin

Aufstehen und sich fühlen wie im Zoo

Ich wohne während meiner Zeit als Volontärin nicht weit entfernt vom Hilfswerk in einem hübschen, mehrstöckigen Haus, dass von einer nepalesischen Familie bewohnt wird. Dort kann ich das Dachgeschoss in Beschlag nehmen und abgesehen von meinem Zimmer, habe ich einen grossen Balkon mit wunderschöner Aussicht. Dieser wird natürlich auch von der Familie genutzt, Wäsche wird dort aufgehängt oder einfach die Freizeit genossen.

Wenn ich morgens aufstehe, gehe ich erstmals mit einem Kaffee auf den Balkon und geniesse die ersten Sonnenstrahlen. Die Schule fängt um 9 an, ich bin aber schon um 7 wach. Ich habe also genügend Zeit. So auch die Familie, denn bevor sie selber zur Arbeit oder Schule gehen, kommen sie bei mir auf dem Balkon vorbei. Ich habe eigentlich nicht viel mit ihnen zu tun, die Tochter kann nur ein paar Brocken Englisch und der Rest der Familie gar nicht. Dementsprechend stockt die Verständigung. Sie haben aber überhaupt kein Problem damit, morgens bei mir vorbeizukommen, vor mich hinzustehen und mich anzuglotzen. Und glotzen. Und glotzen. Kein Problem für sie so um die 20 Minuten vor mich hinzustehen und zu starren, ohne ein Wort zu sagen.

Da ich helle Haut, blaue Augen UND blonde Haare habe (eine Kombination die für manche einfach zu viel ist), bin ich mir vom Ausland einiges gewohnt. Ich ziehe quasi überall die Aufmerksamkeit auf mich, ob ich will oder nicht, rein nur durch meine Anwesenheit. Ist aber auch kein Problem für mich. Die Leute starren mich normalerweise an, vielleicht etwas länger als sie andere anschauen, aber wenn ich zurückschaue, schauen sie meistens betreten weg.

Nepal aber, setzt da ganz neue Massstäbe… Ich fühle mich echt wie im Zoo und anfangs kann ich nicht so richtig damit umgehen und weiss nicht, wie ich reagieren soll. Irgendwann gewöhne ich mich aber daran und es macht mir nichts mehr aus, angestarrt zu werden. Nein, es macht mir auch nichts aus, wenn die Leute ihre Verwandten rufen um vom Haus auf die Strasse zur rennen um mich vorbeilaufen zu sehen. Auch nicht, wenn wildfremde Mütter mir ihre Babys in die Arme drücken (da ich Europäerin bin, bin ich schliesslich reich und wenn ich ihr Kind berühre, beschert ihm das dann Wohlstand…). Mir macht es auch nichts aus, dass sich das nach drei Monaten immer noch nichts geändert hat. Mittlerweile wäre ich wohl die perfekte Kandidatin für die Truman-Show.

Nach dem morgendlichen Zoobesuch der Familie, mache ich mich also auf den kurzen Weg ins NAG. Dort wartet auch schon das Frühstück auf mich, was aus Paratha und Pury und gesüsstem Schwarztee besteht. Ich liebe alles!

 

Lower Kindergarten. Oder auch kleine Teufel unterrichten.

Ich werfe einen Blick auf den Stundenplan, heute unterrichte ich den ganzen Tag LKG (Lower Kindergarten). Bald geht’s los und ich bahne mir den Weg durch 350 Kinder. Alle sind sie auf dem Weg in ihr Klassenzimmer, auch die Kinder aus den Slums sind mit dem Schulbus angekommen. Es ist laut, es wird geschrien, aber es ist irgendwie trotzdem alles organisiert, alle wissen wo sie hinmüssen und wie sie sich zu benehmen haben. Für so viele Kinder auf einem Haufen ist es dann wiederum ziemlich ruhig.

Was das Unterrichten angeht, meistere ich die Unterrichtsstunden die ersten Wochen zusammen mit der eigentlichen Klassenlehrerin. Sie zeigt mir das System, wie der Unterricht funktioniert, wo was ist und was die Kinder lernen müssen. Später gestalte ich die Stunden mehrheitlich selbst. Der Lehrplan ist recht straff und die Methoden anders als was ich kenne. Es wird auswendig gelernt, ich Chor nachgesprochen, um Wörter auf Englisch zu lernen, wird eine Seite im Heft damit vollgeschrieben. Der Unterricht ist nicht schlecht, im Gegenteil, in Nepal einer der Besten. Die Unterrichtsmethoden sind eben einfach nur anders als ich es mir gewohnt bin. In dieser Schule werden die Kinder auch nicht geschlagen, was im Rest des Landes noch gängige Praxis zur Bestrafung ist.

Innenhof der Schule im Strassenkinderhilfswerk NAG

Unter dem Lehrpersonal wir LKG spasseshalber auch gerne mal HellKG genannt. Wieso finde ich bald heraus. Die Kinder in meiner Klasse sind wild und laut und ich werde getestet. Ich muss mich behaupten. Natürlich testen sie aus, wie viel es braucht bis ich rumschreie, ausflippe oder sonst irgendwie reagiere.

Ich schaffe es aber recht gut mir trotz allen Blödeleien nicht viel anmerken zu lassen und gewinne bald ihr Vertrauen. Der Unterricht macht Spass und gefällt mir gut. Ab und zu unterrichte ich auch in anderen Klassen als Vertretung.

In der Schule im Strassenkinderhilfswerk

Klassenzimmer in der Schule des Strassenkinderhilfswerkes

Schülerinnen im NAG

Nach dem Mittagessen, dass in der Regel auf Nepals Nationalgericht Dal Bhat besteht, gibt eine Stunde Ruhe. Die Kleinsten spielen, einige machen ein Nickerchen und die Teenies, wie überall auf der Welt, rotten sich in Grüppchen zusammen und kichern um die Wette.

Während am Morgen Mathematik, Englisch, Schreiben und Lesen auf dem Programm steht, ist im Kindergarten der Nachmittag fürs spielerische Lernen reserviert. Was die kleinen Kinder spielen, ist überall auf der Welt ähnlich. So habe ich gelernt, dass „Fire and Ice“ das selbe ist, wie bei uns „Fangis“. Wenn man jemanden fängt, erstarrt der eben zu Eis und wenn ihn jemand durch Berühren retten kann, macht man das mit „Feuer“, damit das Eis schmilzt.

Spiele für die Kleinen im Strassenkinderhilfswerk

Wenn um 15 Uhr die Schule fertig ist und die Hälfte der Kinder wieder mit dem Bus zurück zu ihrem Zuhause gefahren werden, kehrt Ruhe ein. Der grösste Teil macht sich an die Hausaufgaben, erledigt Arbeiten im Hilfswerk oder besucht einer der Workshops. Es gibt eine Schreinerwerkstatt, Kochkurse, verschiedene Sportarten zum machen oder sie treffen sich einfach mit ihren Freunden.

Ich gehe erstmals zurück in mein Daheim studiere den Stromplan. Wann haben wir heute Strom, wann sind wir an der Reihe? Nepal hat ein riesiges Stromproblem. Daher ist Kathmandu in Bezirke unterteilt, welche zu bestimmten Zeiten an bestimmten Tagen mit Strom versorgt werden (sollten). Oftmals kann man aber nicht nach dem Stromplan gehen, manchmal fällt er ganz aus.  Für mich ist es eindrücklich einmal selber zu erleben wie abhängig wir vom Strom sind. Ich bin es gewohnt das Licht anzumachen wenn ich nach Hause komme. Funktionierende Herdplatten zu haben und zu kochen wann ich will. Meine elektronischen Geräte jederzeit aufladen und einsetzen zu können. Hier kann ich Abends nicht einmal ein Buch lesen, da es ja kein Licht hat, weil wir natürlich gerade dann nicht auf dem Stromplan stehen.

Dasselbe gilt auch für das Wasser. Mal eben kurz unter die Dusche hüpfen ist nicht drin. Wenn das Wasser nicht auf den Kanister auf dem Dach gepumpt wird ist eben keins da. Meine Dusche funktioniert nicht. Ich lerne mit sehr wenig Duschwasser auszukommen. Wenn man das jemals intus hat, bleibt das wohl immer so. Ich könnte jetzt niemals mehr 10 Minuten unter der Dusche stehen und das Wasser einfach so verschwenden.

Um zu Duschen muss also Wasser da sein, um warmes Duschwasser zu haben, muss Strom vorhanden sein. Und wenn die Begebenheiten auch alle erfüllt sind, muss das auch genau dann passieren, wenn ich frei habe und zu Hause bin…

warmes Duschwasser

 

Freunde und Familie

Ab und zu bin ich nach der Schule auch noch in der Stadt und staune über das Chaos. Das Hilfswerk liegt etwas ausserhalb von Kathmandu. Manchmal bin ich auch nur Einkaufen in der Umgebung oder bleibe im NAG und unterstütze die Workshops.

Gegen Abend bin ich dann spätestens wieder zurück, es gibt Abendessen und danach steht die Zeit allen zur freien Verfügung. Das NAG ist eine grosse Familie und genau das spüre ich auch. Ich habe mich sofort aufgenommen gefühlt, und obwohl ich lange nicht die erste Volontärin bin, ist das Interesse an mir und meinen Lebensumständen in der Schweiz gross. Es findet ein toller Austausch mit den Schülern statt und ich freunde mich mit vielen von ihnen an. Ich bin nicht nur als Lehrerin dort, ich verbringe auch den grössten Teil meiner Freizeit im Hilfswerk.

Im Strassenkinderhilfswerk NAG

gemeinsames Fernsehen am Abend

So ungefähr sieht ein Tag als Volontärin in einem Hilfswerk für Strassenkinder in Nepal aus. Das ist aber irgendwie auch nur Theorie, denn: Jeden Tag geht es drunter und drüber. Mit 300 Kindern ist es quasi an der Tagesordnung, dass sich jemand verletzt und vielleicht sogar ins Krankenhaus gefahren werden muss. Das der Generator kaputt geht. Das das NAG-Auto aussteigt. Das es neue Kinder gibt oder auch mal welche abhauen. Das es persönliche Dramen gibt. Ach, und noch so vieles mehr.

 

Dankbarkeit tut gut

Wenn ich Abends das NAG verlasse und wieder in mein (wahrscheinlich) strom- und wasserloses Zimmer pilgere, verbringe ich noch einige Minuten auf dem Balkon. Ich schaue mir die Sterne an, geniesse die absolute Ruhe. Ich lasse mir den Tag durch den Kopf gehen, lasse alles Revue passieren.

Jeden Tag wird mir von neuem bewusst, wie viel Glück ich habe, diesen Ort gefunden zu haben. Das ich hier sein darf. Das ich meinen Teil beitragen darf. Und wie privilegiert ich bin. Das ich zum ganz kleinen Prozentsatz der Menschheit gehöre, die einfach alles hat. Und das erst noch im Überfluss. Und das ich erlebt habe, wie wichtig es ist, etwas zurückgeben zu können. Es muss nicht immer Geld sein, keine materielle Dinge. Auch das Beisammen sein gibt viel, das Teilen einer wertvollen Erinnerung oder einer Freundschaft die entsteht.

 

Bist du auch an einem Volontariat im NAG interessiert? Oder hast du noch Fragen dazu? Her damit in der Kommentarfunktion oder über das Kontaktformular direkt an mich. Alle Infos über das Hilfswerk findest du auch auf der Homepage vom NAG.

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