Paraguay und die am wenigsten befahrene Strecke Südamerikas

*Das ist der zweite Teil meiner Erinnerungen an meine erste Backpackingreise quer durch Südamerika. Ich war 19, das erste Mal richtig weit weg und voller Hunger auf das Leben. Die besten Voraussetzungen für einen durchgeknallten Trip. Was vorher bei meinem Trip durch Brasilien so alles passiert ist, kannst du hier nachlesen*

Nach zwei Monaten in Brasilien geht es also weiter nach Paraguay. Bereits der Grenzübertritt ist ein Erlebnis für sich. Ein weiteres erstes Mal, viele solcher Grenzübergänge sollten noch folgen. Dennoch, die Grenze zwischen Foz do Iguazu und Ciudad del Este in Paraguay ist speziell aufregend. Zu Fuss überqueren wir eine Brücke und fragen uns, ob das wohl die Grenze ist. Niemand hält uns auf, wir haben keine Ahnung wie wir zu unserem Ausreisestempel kommen.

Aber erst einmal müssen wir staunen. Wir stehen mitten auf der Brücke und schauen um uns. Was es da alles zu sehen gibt, total verrückt! Hunderte Menschen strömen in beide Richtungen, beladen mit Dingen, die aus Tüchern gucken, die sie sich auf den Rücken gebunden haben. Oder die aus den Karren hervorlugen, die sie vor sich herschieben. Manche Leute schreien unverständliches Zeugs, andere wollen uns etwas verkaufen und wieder andere schleichen ruhig und konzentriert über die Brücke. Diese Brücke ist ein Niemandsland, nicht mehr Brasilien und auch noch nicht Paraguay. Hier passiert ganz vieles was wir nicht verstehen und zum Glück zu dem Zeitpunkt auch nicht wissen.

Kleinstadtleben in Paraguay...

Kleinstadtleben in Paraguay…

Wir traben also wie alle anderen auch über die Grenze, finden nach einigem Suchen den Schalter, wo wir unsere Stempel abholen und landen dann in Ciudad del Este. Was für ein Ort das ist, haben wir kaum bemerkt. Einer der multikulturellsten Orte Südamerikas, der 60 % des BIP Paraguays erwirtschaftet und dessen Ruf weit vorauseilt. Hier ist einer der ganz grossen Umschlagplätze für Schmuggelware, die Kriminalität ist hoch und Bandengewalt regiert. Dennoch, das Image ist schlechter, als das Leben schlussendlich vonstatten geht. Das merken wir aber alles erst später. Was wir aber wahrnehmen ist das Gewusel auf den Strassen, die Händler überall und das pure Chaos. Wir sind fasziniert. Für einen Euro kaufe ich mir ein paar neue Flip Flops. Ich kann gar nicht glauben, dass man überhaupt irgendwas so billig kaufen kann.

Wir setzen uns in den Bus. Unsere erste Station in Paraguay heisst Coronel Ovideo. Hier gibt es nichts. Wieso wir hier hin gefahren sind, wissen wir auch nicht so genau. Wir reisen eigentlich durch Paraguay, weil das Land kaum bereist wird und die Route durch den Chaco nach Bolivien eine der am wenigsten bereisten Routen in Südamerika ist. Für uns Grund genug. In Coronel Ovideo wissen wir nicht so recht, was wir mit uns anfangen sollen. Es gibt ein Rathaus, dass man sich anschauen kann. Das wars dann auch schon.

Beim Versuch in einem Lebensmittelladen ein paar Brocken Spanisch anzuwenden, gibt uns die Dame auf Deutsch Antwort. Wir sind mehr als erstaunt hier Deutsch zu hören. Das Paraguay ein beliebtes Ziel für deutsche Auswanderer ist wussten wir nicht. Auch nicht, dass es nebst Kanada hier die grösste Mennoniten Kolonie auf dem amerikanischen Kontinent gibt. Die Dame klärt uns auf und erzählt von ihren Vorfahren, die aus Preussen über Nordamerika nach Paraguay flüchten mussten.

Die Mennoniten sind eine evangelische Freikirche, die auf die Täuferbewegung der Reformationszeit zurückgeht und dessen Wurzeln in der Schweiz zu finden sind. Die Mitglieder dieser Bewegung wurden schon zu Beginn weg verfolgt und diskriminiert, da sie als Gefahr für die Reformation galten. Zu dieser Zeit kannte gerade mal die nördliche Niederlanden religiöse Toleranz, im Rest Europas wurden die Täufer, resp. Mennoniten verfolgt und umgebracht. Viele wanderten in der Folge nach Russland, Kanada, Afrika oder eben später auch nach Paraguay aus und sprechen noch heute Plattdeutsch.

Wir haben hier eindeutig etwas Neues gelernt. Die Geschichte der Mennoniten kannten wir so noch nicht und wir haben auch noch nie was von Paraguay als Auswanderungsziel gehört. Bevor es in den Chaco geht, eine riesige Fläche Wald im Norden des Landes, machen wir aber noch Halt in Asunción, der Hauptstadt Paraguays.

Mit dem Bus durch den Chaco in Paraguay.

Mit dem Bus durch den Chaco in Paraguay.

Hier ist alles anders. Irgendwie ist die Stadt komisch. Es ist irgend ein Feiertag, obwohl wir nicht wissen, welcher denn eigentlich. Die Stadt ist wie ausgestorben, kein Mensch ist da. Hostels gibt es so nicht, wir finden jedenfalls keine. Also quartieren wir uns in einem Hotel in der Stadt ein, welches zwar etwas über unserem Budget liegt, aber nicht viel teurer ist. Wir drehen aber fast durch, weil es so kitschig pompös ist. Die Wasserhähnen sind vergoldet (also natürlich nicht echt) und wir haben eine riesiges Doppelbett mit richtigen Kissen und zwei Decken. Der Wahnsinn!

Paraguay ist so billig, dass wir dem Ganzen nicht trauen. So wenig kann doch nichts kosten wie hier! Dies war lange vor den Zeiten mit Free Wifi, geschweige den mit internetfähigen Handys. Also gehen wir ins Internetcafe und schreiben einer Freundin, die in einer Bank arbeitet und uns versichert, dass wir mit dem richtigen Kurs rechnen. Und siehe da, sie schreib sogar zurück und uns bestätigt uns, dass Paraguay tatsächlich so günstig ist.

Abends in einer Bar kommen wir mit einem älteren Deutschen ins Gespräch, der schon lange hier lebt und irgendwelche Immobilienfirmen betreibt. Nach ein paar Piña Coladas bietet er uns einen Job an, für meinen Freund auf dem Bau und für mich, ja, da würde sich schon auch noch was finden lassen. Das Ganze ist irgendwie lustig, der Typ skurril und seit diesem Abend vor 12 Jahren habe ich nie mehr eine Piña Colada angerührt.

Im botanischen Garten in Asunción.

Im botanischen Garten in Asunción.

Wir wollen aber etwas Abenteuer und keine Jobs und beschliessen, den Weg von Asuncion nach Filadelfia per Autostopp zu machen. In Pozo Colorado stellen wir uns also an den Wegesrand und strecken die Daumen raus. Das Glück ist aber nicht auf unserer Seite, uns will niemand mitnehmen. Die wenigen Autos die vorbeifahren, machen nicht den ganzen Weg bis nach Filadelfia. Von weitem erspähen wir auf der gegenüberliegenden Strassenseite einige Lastwagen. Klar, dort wollen wir unser Glück versuchen.

Bereits als wir zwei mit unseren Rucksäcken angelaufen kommen, ernten wir Aufmerksamkeit. Von den paar Lastwagenfahrern werden wir erstaunt beäugt. Das ist wahrscheinlich noch nie passiert, dass zwei so junge Europäer sich auf diesen Tankplatz verirren und nach Filadelfia fahren wollen. Klar können wir mitfahren, meinen sie. Aber wir müssten noch etwas warten, bevor wir loskönnten. Worauf wir warten, verstehen wir leider nicht. Zu schlecht ist unser Spanisch. Das hält die Fahrer aber nicht davon ab, sich mit uns über alles möglich zu unterhalten. Oder zu erzählen, denn wir tragen ja nicht sonderlich viel zur Unterhaltung bei. Eher mit Händen und Füssen, was für ein paar Lacher sorgt.

Schlussendlich sind wir umringt von dreckigen Männern, die seit Tagen in ihren Lastwagen gesessen sind. Wir sind wohl seit langer Zeit die einzige Ablenkung, was alle sichtlich geniessen. Aber als es darum geht ein Foto zu machen, traut sich nur der Lauteste mit mir aufs Bild. Der Rest steht lieber einfach mit dabei.

Mitfahrgelegenheit mitten im Nirgendwo in Paraguay.

Mitfahrgelegenheit mitten im Nirgendwo in Paraguay.

Nach etwa vier Stunden rumsitzen kommt ein weiterer Lastwagen angefahren, irgendwas wird umgeladen und dann geht es endlich los. Wir quetschen uns beide vorne auf den Beifahrersitz und staunen ab der alten Maschine. So ein Lastwagen – obwohl super stylish – wäre bei uns höchstens noch auf dem Schrottplatz zu finden. Es ist unerträglich heiss in der Fahrerkabine. Der Schweiss läuft in Strömen und wir kriegen kaum Luft. Der Fahrtwind der offenen Fenster hilft kaum, bringt keine Abkühlung. Im Gegenteil. Zur Hitze kommt der ganze Staub und Dreck der Strasse dazu und am Schluss fühle ich mich wie ein paniertes Schnitzel. Na ja. Wir wollten ja das Abenteuer. Stunden später kommen wir in Filadelfia an. Eine lange Reise dafür, dass uns nicht einmal 200 Kilometer davon getrennt haben.

Auch hier werden wir mit dem breitesten Plattdeutsch begrüsst. Von den rund 7000 Einwohnern leben hier zwar nur 2500 deutsche Mennoniten. Dennoch beherrschen diese das Geschehen, bewirtschaften Felder, haben ein eigenes Schul- und Steuersystem und leben irgendwie mit den indianischen Stammesgruppen zusammen. Letztere besuchen wir auch, aber wie so oft bei solchen Besuchen bleibt der fahle touristische Nachgeschmack – oder das Gefühl, in eine Welt eingedrungen zu sein, in die man nicht gehört und nur als Zuschauer betritt.

Besuch bei indianischen Stammesgruppen im Chaco in Paraguay.

Besuch bei indianischen Stammesgruppen im Chaco in Paraguay.

Irgendwo in der Gegend um Filadelfia, Paraguay.

Irgendwo in der Gegend um Filadelfia, Paraguay.

Filadelfia an sich ist langweilig. Es gibt den ganzen Tag nichts zu tun. Bleibt nur Biertrinken und Karten spielen. Denn der lang ersehnte Bus, welcher uns durch den Chaco nach Bolivien bringen soll, kommt einfach nicht. Er hat ein paar Tage Verspätung. Oder so. Keiner weiss es so ganz genau.

Als hangeln wir uns von Klimaanlage zu Klimaanlage, es ist tatsächlich über 40 Grad heiss. So heiss, wie ich es noch nie erlebt habe. Wir lauern als die Tage rum, machen den einen oder anderen Ausflug in die Savannenlandschaft des Chaco, dem Niemandsland zwischen Paraguay und Bolivien. Der Besitzer unseres Hotels führt uns etwas rum, zeigt uns wo die Grundschule liegt und wo es ein kleines Museum mit ausgestopften Tieren gibt. Das war es dann auch schon mit den Sehenswürdigkeiten. Wir fahren auch noch mit ihm aufs Land, schauen uns ein altes Fort an und lassen uns Flora und Fauna erklären.

Hier, 450 Kilometer von der Hauptstadt Asunción entfernt, fühlt man sich tatsächlich etwas verloren, die Uhren ticken anders, Werte sind verschoben und das Leben geht irgendwie anders voran.

Irgendwann kommt dann auch der Bus. Ein uraltes, klappriges Gestell – was war auch anders zu erwarten, auf der am wenigsten befahrenen Strasse Südamerikas? Na ja, das mit den „Strassen“ muss hiermit auch gleich mal relativiert werden. Zwischen Paraguay und Bolivien gibt es gerade mal eine unbefestigte Holperpiste, auf der wir uns bewegen.

An der Grenze zu Bolivien...

An der Grenze zu Bolivien…

Erstmals werden wir aber mitten in der Nacht bei der Grenzstation rausgeschmissen, wo wir warten sollen, bis der Zöllner am Morgen kommt und uns den Stempel in den Pass drückt. Wir sind nicht die einzigen hier. Also schlagen wir uns die Nacht mit einer Gruppe Jungs aus Paraguay um die Ohren und trinken mit ihnen um die Wette. Am Schluss wird natürlich noch T-Shirt getauscht, was uns in Zukunft noch öfters passieren sollte.

Wir schlafen auf einer Bank vor der Zollstation und als mit den ersten Sonnenstrahlen auch der verschlafene Zöllner rausguckt und uns den ersehnten Stempel gibt, kann unser Abenteuer in Bolivien weitergehen…

*Was wir in Bolivien so alles angestellt haben, erzähle ich in der Fortsetzung meines nostalgischen Reiseberichtes. Die Bilder sind alle von analogen Fotos gescannt und digital aufbereitet worden. Leider gibt es nicht einmal viele Bilder von Paraguay. Anscheinend habe ich da nicht so Lust zum Fotografieren gehabt. Zum vorhergehenden Artikel zum Start meiner Südamerika Reise gehts hier lang.*

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