Bolivien – von Lamas, Coca-Blättern und Autopannen

*Das ist der dritte Teil meiner Erinnerungen an meine erste Backpackingreise quer durch Südamerika. Ich war 19, das erste Mal richtig weit weg und voller Hunger auf das Leben. 7 Monate Abenteuer lagen vor mir. Die besten Voraussetzungen für einen durchgeknallten Trip. Hier kannst du nachlesen, was vorher bei meiner Reise durch Brasilien und Paraguay so alles passiert ist.*

Autopanne in Bolivien - ein alltägliches Bild.

Autopanne in Bolivien – ein alltägliches Bild.

Mit dem klapprigen Bus fahren wir über Sandpisten nach Bolivien. Wie lange die Fahrt eigentlich dauern sollte, kann ich mich nicht mehr erinnern. Wir kommen aber etliche Stunden später in Entre Rios an, weil wir eine Buspanne haben. Mitten in der Nacht geht nichts mehr und wir, resp. unser Bus, stecken mitten in einer riesigen Pfütze, welcher eher den Namen „See“ verdient hätte, und kommt nicht mehr weiter. Wir sind irgendwo im nirgendwo und etliche Möglichkeiten, den Bus wieder aus dem knietiefen Schlammwasser zu befreien, scheitern. Schlussendlich müssen alle aussteigen, sich hinter den Bus stellen und schieben. Mit Holzschienen und vereinten Kräften gelingt es schlussendlich und wir können mit -zig Stunden Verspätung weiterfahren. Es sollte zwar die erste, aber bei weitem nicht die letzte Buspanne in Bolivien sein…

In Entre Rios legen wir nur einen kurzen Stopp ein, um unsere geschundenen Knochen zu entspannen. Sofort bemerken wir die Veränderungen. Wir sind in einem ganz anderen Land angekommen. Es ist faszinierend, manchmal braucht man nur ein paar Kilometer über die Grenze zu fahren und befindet sich in einer komplett anderen Welt.

So reist es sich in Bolivien...

So reist es sich in Bolivien…

Erste Eindrücke aus Bolivien.

Erste Eindrücke aus Bolivien.

So auch hier. Die Menschen sehen anders aus, die Sprache ist anders, ja, die ganze Umgebung ist nicht mit Brasilien oder Paraguay zu vergleichen. Obwohl Entre Rios nur auf etwas über 1000 Meter liegt, gestaltet sich die Vegetation gänzlich anders. Viele Leute reisen nicht mehr mit dem Bus, sondern auf den Ladeflächen von Kleinlastern, zusammengepfercht wie Vieh. So auch wir, weiter zu unserer ersten richtigen Destination in Bolivien, Tarija.

Mit dem Fahrrad unterwegs in Tarija, Bolivien.

Mit dem Fahrrad unterwegs in Tarija, Bolivien.

Die südlichste Grossstadt des Landes sollte sich als wahres Juwel herausstellen und uns einen wunderbaren Start in Bolivien bereiten. Hier entdecken wir die Vorzüge des bolivianischen Essens. In Tarija ist nämlich eine hervorragende Küche zu finden, welche bolivianische mit argentinischen Köstlichkeiten mixt. Tarija nehmen wir als kleine Gourmetstadt wahr, da wir viele erstklassige Restaurants entdecken, wo wir uns Köstlichkeiten wir Filet Mignon zu lächerlichen Preisen gönnen.

Genauso begeistert sind wir aber von den bolivianischen Märkten, wo wir oft zu Mittag essen und die südamerikanischen Säfte, meist Milch oder Wasser mit Früchten gemischt, ganz neu entdecken. Denn in Bolivien werden nicht nur Fruchtsäfte gemixt, sondern auch mal mit Bier und Eiern angerührt. Was sich scheusslich anhört, ist in Wahrheit gar nicht mal so schlecht.

Nach einigen kalorienreichen Tagen, an welchen wir Tarija und das Umland per Fahrrad erkundet haben, geht es, natürlich wieder mit Buspanne, weiter nach Potosi. Welche Wichtigkeit Südamerika früher innehatte, wird uns bewusst als wir erfahren, dass Potosi im 17. Jahrhundert eine der grössten und reichsten Städte der Welt war. Dies war dessen Silber- und Zinnvorkommen im Hausberg Potosis zu verdanken, dem Cerro Rico. Schon damals wurde der Cerro Rico gnadenlos geplündert und heute wird immer noch verzweifelt nach den wertvollen Schätzen gesucht.

Der Cerro Rico beschäftigt aber nicht nur die Minenarbeiter, die im Spanischen Mineros genannt werden, sondern auch die Touristen. Auch wir besuchen den Berg im Innern. Mit einer Führerin besuchen wir die Arbeiter im Berg, aber nicht ohne zuvor Dynamit und Coca Blätter als Geschenk für die Arbeiter zu kaufen. Der Mercado Minero gilt als einziger Markt der Welt, auf welchem man legal Dynamit kaufen kann. Es gilt als selbstverständlich, dass man diese Geschenke bei einem Besuch mitbringt.

Potosi, ehemals reichste Stadt der Welt.

Potosi, ehemals reichste Stadt der Welt.

Bald also kraxeln wir durch die Dunkelheit im Berg, teils auf allen Vieren. Meine latente Platzangst kann ich zum Glück im Griff halten, auch wenn es manchmal stockdunkel wird, da die Lampe an meinem Helm immer wieder ausgeht. Wir besuchen den Höhlengott, dem im Berg auch ein Platz eingeräumt wird und die Mineros beschützen soll. Hier versprühen wir von dem 96%-igen Alkohol, den wir auch als Geschenk mitgebracht haben. Die Arbeitsbedingungen sind schrecklich, Schutzkleidung gibt es kaum und von Gesichtsmasken müssen wir gar nicht erst versuchen zu reden. Viele Arbeiter sterben an schweren Gesundheitsschäden wie an Staublunge, die Lebenserwartung beträgt 45-50 Jahre. Kinderarbeit ist an der Tagesordnung.

Minero im Cerro Rico.

Minero im Cerro Rico.

Der Höhlengott im Cerro Rico in Potosi.

Der Höhlengott im Cerro Rico in Potosi.

Für uns stellt sich hier die Frage, in wie weit wir mit unserem Besuch diese Ausbeutung unterstützen. Wir können das aber irgendwie noch nicht so richtig abschätzen. Grundsätzlich sind wir froh, den Besuch in den Minen unternommen zu haben und so auch etwas aus unserer Backpacker Welt ausgebrochen zu sein. Wir sind kaum 20 Jahre als und reisen um die Welt. Mineros sind mit 20 Jahren teils schon tot, abgestürzt in einen tiefen Schacht in der Mine oder schon mit einer vergifteten Lunge im Leben unterwegs. So unterschiedlich kann ein Leben verlaufen und das nur, weil man in einem ganz anderen Teil der Erde geboren worden ist. Dies wird uns hier in aller Deutlichkeit bewusst.

Bei den Mineros vom Cerro Rico.

Bei den Mineros vom Cerro Rico.

Cocablätter kauen, Hauptbeschäftigung der Bolivianer.

Cocablätter kauen, Hauptbeschäftigung der Bolivianer.

Bolivien ist aber auch das Land der Naturschönheiten. Die Anden faszinieren mich, üben eine unbändige Faszination auf mich aus. Ich habe mich immer als Meereskind gesehen, aber seit ich über den Altiplano in die hohen Anden gereist bin, bin ich mir da nicht mehr so sicher.

Die Natur ist unglaublich schön und auf unserer Tour durch die Salzwüste bei Uyuni werde ich demütig. So etwas schönes existiert tatsächlich auf unserer Welt? Noch heute, mehr als 50 Länder und 13 Jahre später bin ich der Meinung, dass die Uyuni Tour etwas vom schönsten ist, was ich je erlebt habe. Sie führt in vier Tagen über weite Strecken des Altiplano, vorbei an Lagunen, Geysiren und Vulkanen. Ohne Dörfer, Städte und Zivilisation. Ziel ist der Sonnenaufgang auf der Isla de Pescado mitten im riesigen Salzsee zu erleben. Ein Erlebnis, welches ich nie vergessen werde.

Lagune auf dem Weg zum Salar de Uyuni.

Lagune auf dem Weg zum Salar de Uyuni.

Na wer beobachtet uns denn da?

Na wer beobachtet uns denn da?

Sonnenaufgangszeit auf dem grössten Salzsee der Welt.

Sonnenaufgangszeit auf dem grössten Salzsee der Welt.

Geysire auf der Uyuni Tour.

Geysire auf der Uyuni Tour.

Wir reisen weiter nach Cochabamba und gehen das erste Mal Couchsurfen. Wir dürfen ein paar Tage bei Maria Lizzie und ihren zwei Töchtern übernachten. Wir sind begeistert von ihrer Gastfreundschaft. Maria Lizzie nimmt uns mit zum Markt, kocht mit uns und fordert auch gleich eine Schweizer Spezialität zum Essen als Gastgeschenk ein. Wir versuchen uns mit Rösti und kochen mit einer Herdplatte und ohne fliessendes Wasser. Die Rösti gelingt mehr schlecht als recht, aber irgendwie sind trotzdem alle zufrieden.

Hier rufen wir auch Hilda an. Wir haben Sie und ihre kleinen Kinder auf der Busfahrt von Paraguay nach Bolivien kennengelernt und uns während der stundenlangen Warterei der Buspanne mit ihr unterhalten. Sie staunt nicht schlecht und führt uns zusammen mit ihrem Mann ins Restaurant aus. Wir sind begeistert von den Bolivianern und ihrer Gastfreundschaft.

Ausblick auf Cochabamba.

Ausblick auf Cochabamba.

Das erste Mal Couchsurfen bei Lizzie.

Das erste Mal Couchsurfen bei Lizzie.

Nächstes Highlight für uns sollte La Paz sein. Die Grossstadt liegt zwischen in einem Talkessel zwischen 3100 und 4100 M.ü.M, die Stadt schraubt sich jedoch an den Hängen entlang in die Höhe. Nach einer durchzechten Nacht mit bolivianischen Studenten, die uns in obskure Kneipen verschleppt haben, versuchen wir unseren zweiten Anlauf in Couchsurfing.

Hallo La Paz!

Hallo La Paz!

Dazu fahren wir nach El Alto, einer zwar eigenständigen Stadt, die aber nahtlos an La Paz angrenzt. El Alto ist einigermassen speziell. Es ist eine Mischung zwischen Industrie, die in der Innenstadt keinen Platz mehr hat und Slumsiedlungen. Wo sind wir da nur wieder gelandet. Nach unserer positiven Couchsurfing Erfahrung sind wir jedoch zuversichtlich gestimmt.

Als wir nach langem Warten unseren Couchsurfing Host endlich treffen, macht sich aber bereits ein flaues Gefühl im Magen breit. Er sieht ziemlich verlebt und irgendwie auch verwirrt aus, das wird uns spätestens dann bewusst, als er sich auf seinem eigenen Nachhauseweg verirrt. Dort angekommen stehen wir in einer schäbigen Hütte. Er zeigt uns unser Bett, eher ein kleines Kinderbett, in dem wir keinenfalls zu zweit reinpassen. Neben unverständlichem Gebabbel zeigt er uns seine Mutter, die im Nebenraum im Rollstuhl sitzt und auf Pflege angewiesen ist. Wir könnten im Gegenzug für die Schlafgelegenheit auf seine Mutter aufpassen und so eine Art „Volontariat“ machen, meint er. Wir sind einigermassen geschockt und glücklicherweise hat mein Freund den Mut Nein zu sagen. Wir entschuldigen uns und machen einen Abgang. Obwohl ich Couchsurfing liebe und mittlerweile bei einer ganzer Menge Leute übernachtet habe und auch bei mir habe übernachten lassen, war dies die mit Abstand schlechteste Erfahrung, die ich damit gemacht habe.

Wir geniessen die restliche Zeit in La Paz aber dennoch, es gibt viel zu sehen und zu staunen. Mit Vorliebe treiben wir uns auf den Märkten rum, riechen, essen und bestaunen alle fremden Sachen, finden neue Freunde und sehen uns alte Kolonialbauten an. Wir unternehmen einen Ausflug ins Valle de la Luna und geniessen einfach die Zeit, das Leben, das Unterwegs sein.

In der Innenstadt von La Paz.

In der Innenstadt von La Paz.

Ausflug ins Valle de la Luna.

Ausflug ins Valle de la Luna.

Wir sind während der sozialen Unruhen in Bolivien. Für uns ist das nur am Rande bemerkbar, jedoch sind die vielen Streiks und Strassenblockaden auch für uns ersichtlich. Damals ohne Handy und Internet unterwegs, gab es kein schnelles Nachrichten lesen im Internet. Wir unterhalten uns mit den Menschen oder versuchen die örtlichen Tageszeitungen zu entziffern.

Mitten in der Stadt findet wieder ein Sitzstreik statt, Orte sind vom Verkehr abgeschnitten oder Zufahrten blockiert. Alle Wege die von La Paz rausführen, gehen über El Alto raus. Einzig in die Yungas kommt man auf anderem Weg raus. Nachdem wir unsere Visa für Bolivien verlängert haben, wollen wir aber Richtung Norden und uns auf dem Weg nach Peru noch einige Dinge anschauen. Wir müssen also auch über El Alto rausfahren. Da La Paz zwar nicht Hauptstadt, jedoch Regierungssitz ist, kann über wenige strategische Punkte in El Alto ganz La Paz blockiert werden.

So natürlich auch, als wir wegfahren wollen. Die Szenerie wirkt gespenstisch als wir aus dem Rückfenster des Busses schauen, der uns Richtung Tiwanaku bringen soll. Unser Bus hat gerade mit Vollgas eine Strassenblockade durchbrochen, Autoreifen brennen in der Abenddämmerung und eine wütende Meute rennt hinter uns her. Es mutet anarchistisch an und genau so ist es wahrscheinlich auch. Mittlerweile bin ich auf Reisen von einigen Blockaden betroffen gewesen, so filmreif hat sichs aber danach nie mehr angefühlt.

Die Isla del Sol im Titicacasee.

Die Isla del Sol im Titicacasee.

Die berühmten Schiffe des Titicacasees.

Die berühmten Schiffe des Titicacasees.

Wir verabschieden uns von Bolivien mit einer Wanderung um die Isla del Sol auf dem Titicacasee, welche nochmals unvergessliche Tage werden. Der Titicacasee (ich liebe diesen Namen!) hat den umständlichen Titel als „das höchstgelegene kommerziell schiffbare Gewässer der Erde“. Er liegt tatsächlich auf einer Höhe von 3812 M über dem Meeresspiegel. Uns ist die Höhe gar nicht so bewusst, da wir uns nun schon seit ein paar Wochen immer irgendwo zwischen 2000 und 4000 Höhenmeter befinden. Dazu haben wir uns natürlich auch angepasst und kauen immer fleissig Coca Blätter, die in Bolivien legal sind und an jeder Strassenecke gekauft werden können. Sie schmecken etwas bitter, aber eigentlich richtig gut.

Wandern auf der Isla del Sol im Titicacasee.

Wandern auf der Isla del Sol im Titicacasee.

Die Coca Blätter sind eines der vielen Dinge, die Bolivien so einzigartig machen. Wie auch die Lamas, die Farben oder die Folklore. Das Land hat uns gepackt. Die Naturwunder, die wir hier erleben durften, sind unbeschreiblich. Die Menschen herzlich und sehr gastfreundlich. Und wir haben eine Unmenge neuer und spannender Dinge erlebt und ein Land gefunden, von dem wir noch viel mehr sehen wollen. Jetzt geht es aber erstmals weiter nach Peru… Und davon erzähle ich dir mehr in meinem nächsten Artikel über meine erste Reise durch Südamerika.

**Da Digitalkamaras damals nur für die Grossen und Reichen erschwinglich waren, habe ich mit einer kleinen, analogen Fotokamera Bilder gemacht. Diese habe ich aus meinem Fotoalbum gescannt, damit ich dir auch ein paar visuelle Eindrücke meiner Reise mitgeben kann. Die Qualität ist natürlich auch dementsprechend. Doch die Erinnerungen an diese Reise sind unbezahlbar.**

 

Und wie ist deine Geschichte mit Bolivien?

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