Annapurna Circuit – vom Trekking im nepalesischen Himalaya

Soll ich umkehren? Will ich wirklich weitergehen? Nein, ich gehe zurück, ich will nicht mehr. Aber dann muss ich zu Hause erzählen, dass ich aufgegeben habe. Das geht ja gar nicht! Reiss dich zusammen, du schaffst das schon. Aber meine Beine schmerzen! Ich habe Blasen an den Füssen! Ausserdem ist es saukalt! Ja und? Du wolltest das ja erleben, es war deine Idee auf den Trek zu gehen. Du hast Ja gesagt, also beiss jetzt durch. So schlimm ist das wirklich nicht, du Jammertasche! Echt jetzt, schon bald ist’s geschafft. Ausserdem, das macht ja überhaupt keinen Sinn, den genau gleichen Weg wieder zurückzulaufen. Wie stehe ich denn da? Fertig jammern, vorwärts jetzt…

Ungefähr so hörte sich mein innerer Dialog während der Umrundung der Annapurna Gebirgskette an. Die Trekkingroute um die 8091 Meter hohe Annapurna, welche damit der zehnthöchste Berg der Welt ist, hat mir alles abverlangt und mich sehr gefordert. Ich habe den Annapurna Circuit ziemlich unvorbereitet und vor allem untrainiert gemacht. Daher gehört diese Erfahrung zu den anstrengendsten, gleichzeitig aber auch zu den schönsten in meinem bisherigen Reiseleben.

 

Die Idee vom Trekking

Aber zurück zum Anfang: Nachdem ich meine Zeit als Volontärin im Strassenkinderhilfswerk NAG beendet habe, erkunde ich Nepal und bereise einige Ecken dieses wunderschönen und faszinierenden Landes. Und klar, wie jeder anständige Tourist, mache ich ein Trekking um das Annapurna Massiv.

Spontan schliessen sich mir Claudia, die nachfolgende Volontärin und Saran, ein guter nepalesischer Freund an. Saran war einer der ersten Strassenkinder, die im Hilfswerk NAG ein zu Hause gefunden haben. Heute arbeitet er in einem Luxushotel in Dubai als Chefkoch und ist im Moment in Kathmandu auf Urlaub. Für uns alle drei ist es das erste Trekking und wir haben eigentlich keinen Plan, worauf wir uns einlassen.

Also gehts zuerst einmal nach Thamel, Kathmandus Touristenghetto. In den unzähligen Trekkingstores gibt es einfach alles zu kaufen. Wir decken uns ein mit Winterjacken, Mützen, Handschuhen, Schlafsäcken, Regenhosen und natürlich einem kleinen Rucksack. Nicht zu viel von allem, nur das nötigste. Schliesslich müssen wir das alles die nächsten 20 Tage mit uns rumtragen.

Am nächsten Morgen geht’s zum Busbahnhof in Kathmandu und von dort erstmals nach Besisahar. Die Fahrt dauert um die acht Stunden, der Bus ist quälend langsam und holprig. Gegen Abend kommen wir schon mal erschöpft in Besisahar an. Wir merken aber gar nicht so viel davon, denn die Vorfreude und die Spannung über den Trek überwiegen.

Tags darauf ziehen wir also los. Wir laufen und laufen und nach sechs Stunden sind wir erledigt und bemerken langsam, worauf wir uns eingelassen haben. Es geht schliesslich die nächsten drei Wochen so weiter! Ich war noch nie so lange an einem Stück zu Fuss unterwegs und zum ersten Mal überlege ich mir richtig, dass das vielleicht noch nicht alles ist. Schliesslich wartet da noch ein Pass, der über 5400 Meter hoch ist!

Diese Gedanken verblassen aber umgehend wieder, denn die Landschaft ist einfach atemberaubend schön. Mit Worten ist die Schönheit um mich herum kaum zu beschreiben. Viele Trekker suchen im Himalaya das sagenumwobene Shangri La – und finden es. Je höher wir wandern, umso mystischer wird es. Das mehrheitlich hinduistische Nepal verändert sich ins Buddhistische. Unser Weg wird von Gebetsmühlen flankiert, farbige Gebetsfahnen wehen im Wind, Stille greift um sich. Die Blicke der Menschen werden eindringlicher, aber auch irgendwie tiefer, schwer zu beschreiben. Vielleicht lasse ich einfach Bilder sprechen, vom Weg von Besisahar nach Manang.

Zu Beginn des Annapurna Trekkings in Nepal

Annapurna Trekking

Annapurna Trekking

Annapurna Trekking

Annapurna Trekking

auf dem Annapurna Trek

auf dem Annapurna Trek

auf dem Annapurna Trek

auf dem Annapurna Trek

auf dem Annapurna Trek

auf dem Annapurna Trek

auf dem Annapurna Trek

 

Von Zimtschnecken und Höhenkrankheit

Der Annapurna Trek gilt als einer der schönsten und abwechslungsreichsten der Welt. Nicht umsonst besuchen jedes Jahr mehrere zehntausend Touristen dieses Gebiet. Der ganze Trek ist in 18-21 Tagen zu schaffen und führt durch alle Klimazonen.

Der Annapurna Trek wird gerne auch mal als Teahouse-Trek oder Applepie-Trek verunglimpft. Auf der ganzen Strecke ist ein Zelt unnötig, da nach jeder Tagesetappe einfache Lodges mit Apfelkuchen und Zimtschnecken warten. Ich habe tatsächlich noch nie so viele Zimtschnecken wie während des Annapurna Treks gegessen.

Die Lodges sind einfach, aber gut. Je höher wir kommen, desto kälter wird es und in der Nacht sind Zusatzdecken nötig. Als wir in Manang ankommen, fängt es an zu schneien.

Manang liegt bereits auf 3530 Metern. Es ist nötig, dass wir uns akklimatisieren und auf Anzeichen von Höhenkrankheit achten. Glücklicherweise geht es uns allen gut. Ein kurzer Atem und wirre Träume sind die einzigen Auswirkungen der Höhe. Wir gehen nur noch sehr langsam voran, laufen pro Tag vielleicht 3-4 Stunden zur nächsten Station. Dort mieten wir uns in einer Lodge ein, wandern am Nachmittag ca. 1 Stunde in höhere Lagen, unterhalten uns dort, lassen die Zeit verstreichen, geniessen einfach den Moment. Dann geht’s wieder runter zur Lodge und erst am nächsten Tag weiter.

Dieses Vorgehen haben uns zwei Guides eines Japanischen Ehepaares beigebracht, mit denen wir uns angefreundet haben. Mit den zweien verbringen wir einige Stunden jeden Tag, immer die Zeit, wo sie sich nicht um ihre Kunden kümmern müssen. So sind wir oft zu fünft unterwegs. Da es in dieser Höhe nicht viele andere Möglichkeiten gibt, werden vor allem Geschichten erzählt und rumgeblödelt. Wir haben jedenfalls eine super Zeit zusammen.

auf dem Annapurna Trek

auf dem Annapurna Trek

auf dem Annapurna Trek

auf dem Annapurna Trek

auf dem Annapurna Trek

auf dem Annapurna Trek

 

Der Thorung-La Pass

Es ist soweit, wir sind im Basislager angekommen. Auf 4500 Metern legen wir uns schlafen, wenigstens ein paar Stunden. Denn um 4 Uhr in der Nacht brechen wir auf. Wir haben 12 Stunden Trekking vor uns, heute wird der Pass überquert. Für uns bedeutet das 1000 Höhenmeter rauf und 1750 Meter wieder runter.

Der Aufstieg in der ersten Stunde gestaltet sich schwierig. Es ist Nacht, wir sind mit Stirnlampe unterwegs. Es geht einfach nur steil bergauf und meine Kräfte sind schon fast erschöpft. Meine Beine schlottern vor Anstrengung, mir ist trotz Bewegung eiskalt, aufbauende Wort sind Fehlanzeige, da alle mit sich selbst beschäftigt sind und in etwa mit den selben Problemen zu kämpfen haben. Ich will weg hier. Ich will nach Hause. Was mache ich hier eigentlich? Warum tue ich mir das überhaupt an? Diese Fragen drängen sich nur so in meinen Kopf.

Nach einer Stunde erreichen wir eine Zwischenstation, wo wir das letzte Mal mit heissem Tee verpflegt werden. Und weiter geht’s, immer ein Fuss vor den anderen. Schritt für Schritt. Dann, plötzlich, geht die Sonne auf. Und ich stehe in der schönsten Bergwelt die ich je gesehen habe. Ich bin einfach nur überwältigt. Ein Schauer läuft meinen verschwitzten Rücken runter, mir ist warm und kalt gleichzeitig.

Gibt es einen Gott, dann wohnt er bestimmt hier.

Einen schöneren Platz kann ich mir nicht vorstellen. Es ist unbeschreiblich, wundervoll, erfüllt alle Superlativen. Ich will weinen, muss mich aber aufs Laufen konzentrieren.

Und so geht es weiter. Stunde um Stunde. Die Empfindungen wechseln sich im Minutentakt, meine Kraft ist fast aufgebraucht, die Atmung ist tief und schwer. Der Pass will einfach nicht kommen. Hinter jeder Schneewähe folgt die nächste, endlos zieht sich die Berglandschaft dahin.

Die totale Ruhe ist eingetreten, ich höre nur mein mühsames Stampfen durch den Schnee. Wir sind längst alle alleine unterwegs, mit gebührendem Abstand zueinander. Eine Art meditatives, tranceähnliches Gehen hat uns erfasst, während es im Innern stürmt. Keine Ahnung was diese Umgebung da mit mir anstellt.

Und plötzlich sehe ich sie: Gebetsfahnen! Gelb, rot, blau und grün flattern sie im Wind. Der Pass! Ich in einem letzten Kraftakt renne ich fast. Ich stürze mich den leuchtenden Fahnen entgegen, wie eine Verdurstende in einer Wüste dem Wasser. Saran und Claudia erwarten mich schon und gemeinsam stehen wir jubelnd und überglücklich auf dem Thorung-La Pass. Das Glücksgefühl ist unbeschreiblich. Es geschafft zu haben, es gekonnt zu haben, nicht aufgegeben zu haben. Oben zu stehen und runter zu blicken. Mich ganz klein zu fühlen im Angesicht der majestätischen Berggipfel um mich herum, aber gleichzeitig unendlich gross, diese Leistung vollbracht zu haben. Ich stehe tatsächlich auf 5416 Metern!

auf dem Annapurna Trek

auf dem Annapurna Trek

auf dem Annapurna Trek

auf dem Annapurna Trek

auf dem Annapurna Trek - Der Gipfel

auf dem Annapurna Trek

auf dem Annapurna Trek

 

Und alles wieder runter

Der Abstieg bis nach Muktinath ist zwar anstrengend, aber unsere Kraft speist sich vom immer noch vorherrschenden Hochgefühl über das Erreichte. Es wäre nicht der Annapurna Circuit, wenn in Muktinath nicht wieder alles anders wäre. Die Menschen sehen anders aus, die Umgebung ist verändert. Wieder sind wir überrascht von der Vielfalt Nepals. Das Dorf ist ein Pilgerort für Hindus und Buddhisten mit einer heiligen Quelle und einer grossen Tempelanlage. Wir besuchen diese zwar, sind aber irgendwie noch viel zu überladen mit Emotionen und Bildern vom den vergangenen zwei Wochen, um diesen Ort wirklich voll wahrzunehmen.

Wir wandern weiter, vorbei an vielen kleinen Dörfern. Die Umgebung ist in stetigem Wandel und wir immer wieder aufs Neue überrascht. In Marpha beschliessen wir, dass wir uns die letzten Tage sparen und von da den Bus nach Pokhara nehmen. Mit der neuen Strasse nach Jomson, müssen wir einfach zu oft hupenden Truks und Bussen ausweichen und ein Gehen neben der Strasse ist beschwerlich. Zudem windet es stark, was das Laufen noch mühsamer macht. Nach der anstrengenden, aber auch idyllischen Zeit in den Bergen geht uns das vorher alltägliche Hupen auf die Nerven.

Unser Gepäck ist verstaut, wir sitzen im Bus und warten darauf, dass der Fahrer den Motor anwirft und lostuckert.
Der Bus startet. Ein letzter Blick zurück auf die massive Gebirgskette die wir umrundet haben. Ein letztes Adieu, ein letzter Gruss und weg sind wir. Zurück in der Zivilisation in Pokhara.

Annapurna – du hast mir viel abverlangt, aber ich liebe dich. Der Trek war anstrengend, wahnsinnig, beglückend, lehrreich und einfach wundervoll. Und das alles gleichzeitig.

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15 Kommentare

  • Timo sagt:

    Das klingt nach einer Unglaublichen Erfahrung die du da gemacht hast. Eine Wanderung durch verschiedene Klimazonen und gleichzeitig eine Reise durch die inneren Gemütslagen. Ich glaube das war keine einfache Zeit als du mit dem Gedanken bespiet hast umzudrehen. Da hilft auch selten Logik : “ Der Weg zurück ist doch viel weiter…“ es ehr dann ums „aufgeben“ eingestehen, dass diese Herausforderung nichts für einen ist. Aber du hast sie gemeistert
    Herzlichen Glückwunsch

    Viele Grüsse Timo
    http://www.headformylife.com

    • Sarah sagt:

      Vielen Dank!
      Ja, die Versuchung war manchmal gross umzukehren, aber ab einer gewissen Distanz macht es dann ja wirklich keinen Sinn mehr. Und den selben Weg zurückzulaufen den ich gekommen bin ist ja erst recht doof.
      Aber ja, es war eine tolle Erfahrung!

  • Carolin sagt:

    Wow, ich finde es spitze, dass du durchgehalten hast!!
    Danke, dass du uns an dieser wunderschönen Reise teilhaben hast lassen,
    die Bilder sind ja wirklich einzigartig.

    Danke für den Artikel, weiter so!

    Ganz liebe Grüsse

  • Soli sagt:

    Ein Traum – sowohl die Bilder, als auch die Beschreibung Deiner Erfahrungen und der Erlebnisse! Ich werde wohl doch an meinem Ziel festhalten und mir den Traum auch erfüllen … ;o)
    Viele liebe Grüsse,
    Soli

  • Da werden Erinnerungen wach! Ich habe es 1992 versucht. Aber mich hat die Höhenkrankheit gezwungen, kurz vor Thorung La umzukehren..LG Ulrike

    • Sarah sagt:

      Och.. Leider kann man ja nie wissen, obs einem erwischt mit der Höhenkrankheit. Aber wenn, dann ist halt umkehren angesagt. Schade! Aber es gibt ja noch viele schöne Orte, wo man ähnliches erleben kann. Hoffentlich klappts ein ander Mal! 🙂

  • michaela sagt:

    Hallo Sarah, das hört sich gut an und steht auf meiner to-do-liste an 1. Stelle. Ist es einfach auf der Strecke am ende des Tages eine erschwingliche Unterkunft zu finden? Zu welcher Jahreszeit seid ihr den Annapurna-Trek gewandert?
    Ich habe jetzt an September gedacht, da hab ich dann noch meine Bergsommer-Koniditon, ausserdem hab ich überlegt die Ausrüstung da dann zu verschenken, bevor es weiter nach ? Kashmir oder vielleicht doch noch Tibet.
    LG Michaela

    • Sarah sagt:

      Der Annapurna Trek lohnt sich ganz bestimmt. Die besten Reisezeiten sind Frühling (April/Mai) und Herbst (Oktober/November). Wegen der klareren Luft und der besseren Sicht ist der Herbst aber am besten geeignet. Eine Unterkunft zu finden ist sehr einfach. Die sind alle erschwinglich und immer in angenehmen Tagesdistanzen zu erreichen. Wenn du nach Pokhara oder Kathmandu zurückreist, wird du die Ausrüstung unter Umständen in Hostels los.

  • isabel kunz sagt:

    Woooow das klingt ja unglaublich schön! Ich werde nächstes Jahr Asien bereisen,sehr wahrscheinlich auch Indien und Nepal. Und jetzt wo ich dein Text lese klingt es fast so als müsste man das einmal im Leben gesehen haben. 🙂

    Unsere Welt hat so viele schöne Plätze. 🙂 Bist du immer noch in Nepal? Lg Isabel

  • Zwerg auf Reisen sagt:

    Hallo Rapunzel, super Beschreibung ! Wann (in welchem Monat) hast du denn die Runde gemacht? Danke und lG

  • Wolfgang Bracker sagt:

    Deine Gefühle am Tag der Passüberquerung kann man nicht besser zum Ausdruck bringen!
    Wir haben den Pass jetzt Anfang November mit dem Mountainbike überquert. Die Räder hatten wir am Vortag schon bis zum High Camp (4800m) gebracht, sodass wir ohne Räder nach der Übernachtung in Thorong Pedi (4450m) den Aufstieg beginnen konnten. Um 3 Uhr morgens sind wir gestartet. Es war mit -10° saukalt, ich war müde, hatte eiskalte Finger und Zehen und dachte mir auch, welcher Idiot mich auf diese Idee gebracht hat; dabei mussten wir noch keine Fahrräder schieben. Mit Fahrrädern geht man dann wirklich nur noch in Trance – ein Schritt, dreimal Luft pumpen, wieder ein Schritt und das hunderte Mal.
    Und dann kommt die Sonne! Sie hat in dieser Höhe eine Kraft, als ob man vor einem bullernden Grundofen steht. 5 Min Vorderseite, 5 Min Rückseite und man fühlt die Wärme durch alle Schichten.
    Das emotionale Erlebnis, wenn man dann auf dem Pass steht, der unter all den bunten Gebetsfahnen fast verschwindet, ist unglaublich, genau wie Du es beschreibst.
    Der einzige Unterschied zu Deiner Tour: Von 5416m auf 600m downhill bis Beni in drei Tagen ist kaum zu toppen.
    Einen wunderbaren Bericht hast Du geschrieben, den ich zu 100% bestätigen kann.

    • Der Annapurna Circuit und die Überquerung des Thorung-La war echt ein tolles Erlebnis – was aber auch einiges von mir gefordert hat. Die Erinnerungen sind aber wunderschön, auch wenn ich an die vielen unterschiedlichen Gefühle zurückdenke.

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